Vom Gesellenverband zur Familie

Kolping-Familie feiert 60-jähriges Bestehen

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Jörn Müller (Rechner, Schriftführer und Internet-Verantwortlicher) hält für die Gründungsmitglieder Walter Gruber (links) und Stephan Euler die Fahne hoch. Müller hält als jüngeres Mitglied im Vorstand die Flagge auch in Zukunft empor. Die Fahne ist aus dem Gründungsjahr 1957 und ein Geschenk der Patenfamilie aus Ober-Roden.

Eppertshausen - Die örtliche Kolping-Familie feiert in diesem Jahr ihr 60-jähriges Bestehen. Anlass für eine Serie in lockerer Folge. Zunächst ein Rückblick auf die Entstehungsgeschichte der Familie. Von Peter Panknin 

Es hat bis 1957 gedauert, bevor sich auch in Eppertshausen eine Kolpingsfamilie gebildet hatte. Insgesamt leben noch sechs Gründungsmitglieder, davon allerdings nur zwei in der Gemeinde. Während eines Treffens gab die Familie einen Ausblick auf die Feiern zum 60-jährigen Bestehen. Sie berichtete aber auch über ihre Historie – zum Beispiel wie es zur Patenschaft mit dem Nachbarsverein Ober-Roden kam. Adolph Kolping war das Vierte von fünf Kindern des Lohnschäfers Peter Kolping und dessen Ehefrau Anna Maria. Er wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf und erlernte auf Wunsch seiner Eltern mit zwölf Jahren zunächst das Schuhmacherhandwerk. Kolping arbeitete von 1829 bis 1832 als Schuhmachergeselle in Sindorf, Düren, Lechenich und Köln. Er war entsetzt von den menschenunwürdigen Lebensbedingungen und -weisen der meisten Handwerksgesellen, die er während seiner Wanderschaft kennenlernte.

Zu einem Gedankenaustausch trafen sich (von links) erster Vorsitzender Marcus Schledt, Gründungsmitglieder Stephan Euler und Walter Gruber, Vorstandsbeisitzerin für Seniorenarbeit Christa Euler sowie Rechner, Schriftführer und Internet-Verantwortlicher Jörn Müller im Kolpingheim in Eppertshausen.

Im Alter von fast 24 Jahren besuchte er das Gymnasium, um nach dem Studium Priester zu werden. Er studierte in München und Bonn Theologie. In München wurde ihm Wilhelm Emmanuel von Ketteler, der spätere Mainzer Bischof, zum Studienfreund. Sie erörterten gemeinsam soziale Frage. Dass er ohne wirtschaftliche Not studieren konnte, verdankte er im wesentlichen Maria Helena Meller, einer Tochter des Gutsbesitzers, dessen Schafe Kolpings Vater hütete. Sie hatte in der Sorge um einen ihr nahestehenden Menschen das Gelübde abgelegt, einen Theologiestudenten zu unterstützen.

Nach Empfang der Priesterweihe 1845 wurde er zunächst als Kaplan und Religionslehrer in Wuppertal-Elberfeld eingesetzt. Er traf wieder auf die gleiche elende soziale Situation wie damals in Köln als Geselle. Mit tiefer Armut verbanden sich für viele junge Männer geistige Verwahrlosung und Apathie zu einem Milieu, das kaum Hoffnung auf ein sinnerfülltes Leben gab. 1847 wurde Kolping zum zweiten Präses des 1846 von Johann Gregor Breuer (1820-1897) gegründeten katholischen Gesellenvereins gewählt, der seinen Mitgliedern insbesondere in den Wanderjahren fern von zu Hause soziale Unterstützung, Bildung, Geselligkeit und einen religiösen Halt gab. Kolping erkannte die Bedeutung des Vereins und war bestrebt, die Idee weiterzutragen.

Bilder: Kappenabend der Kolpingfamilie Dietesheim

20 Jahre später waren es bereits mehr als 200 Gesellenvereine, die auf Kolping zurückgehen. Schon bald wurden eigene Spar- und Krankenkassen gebildet und Gesellenheime gebaut. 1864 bezeichnete Bischof Wilhelm Emmanuel von Ketteler die Gesellenvereine als „einen katholischen Beitrag zur Lösung der Arbeiterfrage“. Als den sozialen Wirkungsfaktor dieser Vereine stellte er das „genossenschaftliche Prinzip“, getragen vom „Geiste des Christentums“ heraus.

1871 war die Bezeichnung „Kolpingsfamilie“ erstmals in einer kirchlichen Ansprache zu hören. In der Zeit der Weimarer Republik öffneten sich auch politische Möglichkeiten für den demokratisch organisierten Verein. Als Reaktion auf den Erfolg in Deutschland bildeten sich in ganz Europa und auch auf anderen Kontinenten weitere Nationalverbände. In der Zeit des Nationalsozialismus erfuhren die Gesellenvereine erhebliche Beeinträchtigungen. Um einem Verbot zu entgehen, änderten die katholischen Gesellenvereine 1935 ihre Bezeichnung in „Kolpingfamilien“. Das Kolpingwerk wurde während des Nationalsozialismus zwar in seiner Tätigkeit eingeschränkt, aber nicht verboten. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Kolpingarbeit in den drei westlichen Besatzungszonen wieder aufgenommen. Einige Jahr später gründete sich dann auch die Eppertshäuser Familie.

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