1. Startseite
  2. Region
  3. Eppertshausen

Seit 100 Jahren gehört das Zupfen in Eppertshausen zum guten Ton

Erstellt:

Kommentare

Beim Mandolinenorchester stimmt die Nachwuchsarbeit. Zum Teil musizieren sogar drei Generationen aus einer Familie zusammen.
Beim Mandolinenorchester stimmt die Nachwuchsarbeit. Zum Teil musizieren sogar drei Generationen aus einer Familie zusammen. © Just, Michael

Eine große Oscar-Figur auf der Bühne, Popcorn und Eis für die Besucher: Kino-Atmosphäre in der Eppertshäuser Bürgerhalle. Sein Konzert zum 100-jährigen Bestehen hatte das Mandolinenorchester des Odenwaldklubs mit „Klassiker der Filmmusik“ überschrieben.

Eppertshausen – Das erwies sich als passend, denn unvergessenen Filmmelodien hängt sowohl etwas Nostalgisches, Brillantes und nicht zuletzt auch ein Hauch von Ewigkeit an.

„Unser Musikausschuss setzte sich vor etwa anderthalb Jahren zusammen und machte sich Gedanken, wie wir den heutigen Abend gestalten können“, berichtete Dirigentin Katja Berker, die sowohl dem großen Orchester als auch dem Jugendorchester vorsteht. Heraus kam der Beschluss, dem Abend ein Motto zu verleihen. „Unser letztes Konzert war ein Auftritt zur Weihnachtszeit mit viel klassischer Musik. Da bot es sich jetzt an, dass es mit Filmmusik mal in eine andere und damit moderne Richtung geht“, ergänzt die Eppertshäuserin.

Die Werke, die das Große Orchester in der Vergangenheit schon einmal interpretierte, wurden durch neue Stücke ergänzt. Der Abend startete mit einer italienischen Note aus „Der Pate“, danach schlossen sich die Doktor-Schiwago-Melodie und Kompositionen aus „Die Dornenvögel“, „Forrest Gump“ oder „Piraten der Karibik“ an.

Das Jugendorchester wartete mit TV-Hits oder „The Lion Sleeps Tonight“ auf. Besonders gut kam vom Großen Orchester das Medley aus der Miss-Marple-Reihe an, das sehr schnelle und anspruchsvolle Elemente beinhaltet und deshalb den Musikern beim Einstudieren einiges abverlangte. Im Jugendorchester war in der jüngsten Zeit vor allem die Fluktuation zu kompensieren, die durch Ausbildung, Studium oder die Corona entstand. Doch die Nachwuchsarbeit ist stabil. Das beweist mit der elfjährigen Sophia das jüngste Mitglied. Sie stieß erst vergangenen Sommer hinzu und machte sich gleich mit zum Probenwochenende für das Jubiläumskonzert auf.

Die Moderation übernahm Benedikt Berker, unterstützt von Daniela Anton. Berker leitete die Film-Klassiker mit interessanten Informationen ein, wie etwa bei Doktor Schiwago. So ähnelt dessen berühmtes Hauptthema „Lara’s Theme“ in weiten Teilen einem Werk des Operettenkomponisten Robert Stolz. „Trotz der frappierenden Ähnlichkeit, die heutzutage mit Sicherheit in einem Urheberrechtsstreit enden würde, nahm Stolz den Ideenklau damals mit Humor“, erläuterte Berker.

Der zweite Abschnitt nach der Pause wurde von Ehrungen ergänzt: Seit 25 Jahren musizieren Veronika Löbig und Anja Diegl, seit 40 Jahren bereits Markus Blum. Heidi Anton, Kurt Larem und Claus Murmann gehören seit 50 Jahren der Formation an.

Die rund 300 Besucher in der voll besetzten Bürgerhalle erlebten eine höchst unterhaltsame und professionelle Darbietung, die nichts dem Zufall überließ. Das bewies die Verpflichtung des Schlagzeugers Niko Löbig, der diversen Stücken eine begeisternde Rhythmik verlieh.

Beim großen Finale standen alle Aktiven auf der Bühne, und Jugend- sowie Hauptorchester gaben gemeinsam die Zugaben zum Besten. Im Mandolinenorchester lassen sich zum Teil bis zu drei Generationen einer Familie finden, was dazu führt, dass der Opa mit der Enkelin zupft.

Überhaupt sind die familiären Verflechtungen überaus eng. Als die Musiker gefragt wurden, wie viele Personen mit anderen Orchester-Kollegen verwandt sind, erhoben sich drei Viertel aller Akteure. Alleine die Familie Murmann zählt sechs Köpfe. Dazu bestehen noch eine Vielzahl weiterer Verbindungen, etwa im Bereich der Großväter. Sowohl der Opa von Norbert Anton und der von Kurt Larem zählten zu den Gründungsmitgliedern. Die Freundschaft der Großväter übertrug sich auf die Enkel: Die Nachkommen spielen heute gemeinsam in der Folk-Formation „Saytensprung“.

Die Verbundenheit der Mandolinenspieler drückt sich nicht zuletzt darin aus, dass es in 100 Jahren nur fünf Dirigenten gab. Jene, die nicht mehr leben, wären sicher stolz auf das Dargebotene am Samstagabend. OWK-Vorsitzender Norbert Anton, der schon seit über 50 Jahren der Formation angehört, ließ sich sogar zu der Aussage hinreißen, dass das vielleicht „das beste Konzert unserer Geschichte“ war. Es gebe nur ein Wort als Resümee und das laute „perfekt“. Das kann Anton begründen: Alle Spieler seien ungemein sicher gewesen und die hervorragend ausgesteuerte Akustik habe zu einem Klangerlebnis erster Güte geführt.

Viele Besucher blieben noch und stießen mit den Aktiven auf den Abend an. Die Geselligkeit währte bis weit nach Mitternacht. Für Norbert Anton wurden an diesem Abend mit einer außergewöhnlichen Leistungsschau und dem Beweis einer erfolgreichen Nachwuchsarbeit, gleich mehrere wichtige Vorgaben erfüllt: „Tradition ist nicht die Bewahrung der Asche, sondern das Feuer weiterzugeben. Dass uns das gelingt, haben wir heute eindrucksvoll gezeigt.“

Aufstehen für den Applaus: Die ausgewählte Filmmusik traf den Geschmack des Publikums. OWK-Vorsitzender Norbert Anton sprach gar vom vielleicht „besten Konzert unserer Geschichte“.
Aufstehen für den Applaus: Die ausgewählte Filmmusik traf den Geschmack des Publikums. OWK-Vorsitzender Norbert Anton sprach gar vom vielleicht „besten Konzert unserer Geschichte“. © Just

Auch interessant

Kommentare