Mit Haltung durch die Pandemie

Eppertshäuser Bildhauer Martin Konietschke durchlebt Corona-Krise mental unbeschadet

Martin Konietschke hält im Atelier die von ihm geschaffene Büste des kürzlich verstorbenen Tatort-Regisseurs Heinz Schirk im Arm.
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Martin Konietschke hält im Atelier die von ihm geschaffene Büste des kürzlich verstorbenen Tatort-Regisseurs Heinz Schirk im Arm.

„Ende Dezember habe ich die erste Rechnung für das gesamte Jahr 2020 geschrieben“, sagt Martin Konietschke. Der in Eppertshausen geborene und in Dieburg lebende Bildhauer, Maler, Zeichner und Druckgrafiker steht in seinem 200 Quadratmeter großen Atelier in Groß-Umstadt inmitten hunderter seiner Werke und seufzt. Doch seine Antwort auf die Frage, wie er als Künstler die Corona-Krise bislang mental überstanden hat, beantwortet er erhobenen Hauptes und mit Stolz: „Ich fühle mich gegenüber vielen anderen Menschen sehr privilegiert. Ich habe eine Wohnung, ein Atelier, kann arbeiten, bin gesund, habe eine Frau die hinter mir steht. und die Ideen gehen mir nicht aus.“ Konietschke hat Haltung, auch oder gerade in der Krise zahlt sich dies für seine Psyche aus. Wenngleich er sich doch „arg gebeutelt“ fühlte, im vergangenen Pandemie-Jahr.

Eppertshausen/Dieburg – „2019 war ein furchtbar stressiges, aber überaus erfolgreiches Jahr“, strahlt der 59-Jährige noch in Gedanken an Vor-Corona. Als Künstler könne man ja nicht nein sagen. Einen Auftrag auf den nächsten habe er ergattert. Ein Termin jagte den nächsten, brachte den Künstler nach München, Berlin, Dresden und sonst wohin im Land. „Weihnachten 2019 war ich froh, das Jahr gesund überstanden zu haben“, sagt der Kreative. Doch das Strahlen verdunkelt sich mit dem Gedanken an das Darauf: „Plötzlich war es wie abgeschnitten. Nichts mehr schien zu gehen. Schon gar nicht von alleine.“

Konietschke ist im Vorstand der Frankfurter Künstlergesellschaft: „Wir haben Ausstellungen geplant. In Wetzlar, Speyer – jahrelange Vorbereitungen waren auf einmal zunichte gemacht. Nichts mehr ging. Der Verein ist heute pleite nach den ganzen Vorleistungen“, sagt er, der auch Mitglied im Künstlersonderbund Berlin ist. „Da ist die Situation ähnlich.“

Und selbst? Wie steht er finanziell da? Einem Künstler stehe die Privatinsolvenz eigentlich immer sehr nahe, lacht Konietschke etwas zu schräg, denn auch wenn er „alle Gerichtsvollzieher des Kreises persönlich“ kenne, so habe ihn Corona doch besonders gefordert. „Ich habe in den guten Jahren, vor allem den letzten, sehr viel in meine Werkstatt investiert“, sagt der seit 1989 Solo-Selbstständige. Trotz aller Termine habe er 2019 noch Zeit gefunden, alles für den Handwerker im Künstler zu besorgen. Er hat mit Metall, Gips und Holz zu tun, schaffte neue Schneidgeräte, Elektrowerkzeuge und Material an – „querbeet durch den Baumarkt“. Und dies habe ihm „wirklich den Allerwertesten gerettet“, sagt er. Denn nach dem großen Shutdown, als keine Aufträge mehr eingingen, alle Ausstellungen abgeblasen, sämtliche Termine gecancelt waren, konnte er wenigstens arbeiten.

Konietschke schaffte immer schon auch „auf Halde“. Er sagt: „Ich fiel in kein mentales Loch, sondern packte an bei dem, was ich schon immer so im Hinterkopf hatte.“ Und eigentlich habe er ja auch noch mal im Atelier so richtig aufräumen, die Büroarbeit auf Vordermann bringen wollen. Doch dann begab sich auch schon Wundersames: „Plötzlich, so nach einer eigentlich unerwartbar kurzen Pause von ein paar Monaten, kamen kleine Aufträge herein. Erst wenige, dann mehr. Schon seit Wochen arbeitete ich wieder täglich zwischen zehn bis 14 Stunden im Atelier. Allein, aber mit Aufträgen.“

Vor allem Privatkunden meldeten sich. „Die saßen auch mehr als zuvor zuhause. Und merkten plötzlich, die Wand da ist ja so leer. Oder in die Ecke – da passt auch noch etwas“, erklärt sich Konietschke die Situation. Und einige erinnern sich an Atelierbesuche bei Konietschke, fragen nach, ob es dies oder jenes noch gebe oder orderten Beispielsweise „einen Konietschke“ vom jüngst verstorbenen Dalmatiner nach einem Foto.

Kopf hoch und durch, durch die Krise: Bildhauer und Maler Konietschke inmitten seiner Werke im großen Atelier, in dem er allein, aber mit Arbeit und Ideen wirkt und werkt.

Was ausbleibt, sind große Aufträge der öffentlichen Hand oder der Kirche. Nicht, dass nichts ausgeschrieben würde. „Im Gegenteil. Ich bewerbe mich um viele Aufträge. Aber in Corona-Zeiten dauern die Formalabläufe sehr lange. Die Zuständigen in den Institutionen treffen sich auch nur noch über Videokonferenzen. Das dauert alles“, sagt Konietschke. Außerdem bewerben sich viel mehr Künstler auf weniger Aufträge. So hat sich der Eppertshäuser beispielsweise beworben bei der Ausschreibung der Stadt Hanau für ein Mahnmal wider das Vergessen des rassistischen Anschlags vom Februar 2020. Und mit ihm weitere 1 500 andere Künstler. Die Ausschreibung läuft global. „Da ist es schon Glückssache, so etwas zu bekommen“, weiß Konietschke.

Zwischen 80 und 40  000 Euro liegt die Spanne der erzielten Preise für einen „echten Konietschke“. Den höchsten Lohn bekam er für eine große Bronzeskulptur. Größer als seine Plastik vom Seiltänzer, den er vorm Millenniumjahr für Eppertshausen schuf, der heute noch vor dem Bahnhof auf dem Bronzetau schwebt.

Und der stets in die Künstlerkasse Einzahlende holt sich staatliche Unterstützung, wo er sie bekommen kann. Meckert auch nicht über Zeitverzüge, die beantragten Hilfen von Bund und Land flössen, sogar ein Projektstipendium habe er ergattern können. „Ohne diese Hilfen hätte ich 2020 nicht hinbekommen“, gesteht er unumwunden.

Konietschke hat zwar Arbeit, doch fehlt ihm Elementares. „Zwar stehe ich wie früher werktäglich alleine lange an den Arbeiten im Atelier. Doch hatte ich vor Corona an den Wochenenden bei Ausstellungen, Eröffnungen und anderen Künstlertreffs ständig Austausch mit vielen Gleichgesinnten. Das fehlt jetzt total.“ Zwar gehe er nicht oft aus, doch wenn er in Dieburg mal auf dem Marktplatz im Straßencafé in den Himmel oder in einem Lokal mal nach Bekannten schauen wollte, sei dies immer willkommene Abwechslung und nötiger Kontakt zur Außenwelt gewesen. „Jetzt ist dies alles wie abgeschnitten.“

Konietschke ist jedoch auch virtuell bestens vernetzt und weltweit mit Kreativen unterwegs. Er weiß, nicht alle können so mit der Situation umgehen wie er: „Manche Kollegen sind wie gelähmt. Ich denke, ich bin einer der wenigen, die noch volle Kanne ans Werk gehen können.“ Und dafür ist er dankbar. (Von Thomas Meier)

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