Bevor Kalle und Mo die Klassenzimmer an der Mira-Lobe-Schule erobern, müssen alle lernen

Eppertshausens Schulhunde: Co-Pädagogen auf vier Pfoten

Auch Labrador Kalle findet Gefallen an Unterricht und Belohnung.
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Auch Labrador Kalle findet Gefallen an Unterricht und Belohnung.

„Wenn Mo mit im Unterricht ist, ist es gleich viel ruhiger. Und schöner“, sagt die zehnjährige Laura. Und Lehrerin Ulrike Lüdicke erklärt: „Wenn Kalle mit im Klassenzimmer ist, folgen die Kinder dem Unterricht viel konzentrierter als wenn er nicht dabei wäre.“

Eppertshausen - Kalle und Mo, das sind zwei Klassenkameraden auf vier Pfoten in der Mira-Lobe-Schule mit Schwerpunkt Sprachheilförderung. Die beiden Schulhunde sind selbst noch in der Ausbildung, doch schon sehr fortgeschritten. Und geduldig. Und die Lieblinge der Kinder und Pädagogen – einfach nicht mehr wegzudenken aus dem Schulbetrieb.

Nachdem die domestizierten Nachfahren vom Wolf Jahrhunderte als Wach- und Schutz-, als Jagd-, Schlitten- oder Hütehunde beschäftigt sind und vor einiger Zeit die Berufsfelder des Rettungs-, Therapie-, Assistenz- oder Blindenführhunds hinzukamen, öffnet sich ihnen nun auch der Bereich der Pädagogik. In den Schuldienst gelangen sie an der Mira-Lobe-Schule durch ihre Frauchen Julia Funk und Ulrike Lüdicke. die beide Förderschulpädagoginnen sind und sich als Hundehalterinnen vor dem großen Experiment sehr genau mit der komplexen Materie Schulhund auseinandergesetzt haben. Sich gar ihre heute gerade einmal knapp zwei Jahre alten Vierbeiner als Welpen aufgrund ihres Wesens aussuchten, um sie zur Schulbegleitung auszubilden. Dass sie selbst hierzu nochmals die Schulbank drücken und zahlreiche Prüfungen mit ihren Hunden absolvieren mussten, nahmen und nehmen sie gern in Kauf.

Die Anwesenheit des besten Freunds des Menschen im Unterricht soll sich positiv auf das Klassenklima, die Lernleistung, das Verantwortungsbewusstsein und allgemein auf die Einstellung zur Schule auswirken. Der Hund übernimmt eine psychologische, pädagogische und sozialintegrative Funktion. Dahinter stehen die Erkenntnisse der Hunde- und Tiergestützten Pädagogik, die Lüdicke/Funk verinnerlicht haben. Wesentliche Erfahrung ist, dass der Hund den Menschen in seinem Umfeld unvoreingenommen und wertfrei begegnet. Das stärkt die Persönlichkeitsentwicklung der Schüler und fördert das Selbstbewusstsein, sind sich die „Chefs“ von Mo und Kalle einig. Darüber hinaus würden durch die tierische Präsenz Lernmotivation und Konzentration gefördert.: „Die Lernatmosphäre gestaltet sich positiv“, wissen die Pädagoginnen.

Dass sie Recht haben, ist beim Besuch von Schulstunden mit den Vierbeinern erlebbar, auch wenn die Wuffs selbst noch in Ausbildung sind und heute als Hospitanten gelten. Doch auch bis hierhin war es schon ein langer, hürdenreicher und auch nicht billiger Weg. Doch weil es ein einleuchtender, begründbarer Weg ist, fanden sich wohlwollende finanzielle Unterstützer: Die Jubiläumsstiftung der Sparkasse Dieburg trug wesentlichen Anteil am Projekt, aber auch der Erlös des Charity-Walks, gespendet von der Ahmadiyya-Gemeinde, sowie Zuwendungen der Firma Özer aus Münster, von Merck aus Darmstadt oder einer Arztpraxis aus Groß-Umstadt kamen dem Projekt zugute.

Die Welpensozialisation haben die beiden pädagogischen Hundehalterinnen mit Mo und Kalle bei Mensch-Hund-Team-Trainings abgeschlossen und die vier besuchten auch den den Junghunde-Kurs. Alles nach Regeln des Berufsverbands der Hundeerzieher und Verhaltensberater, der es sich zur Aufgabe machte, dass Kinder den richtigen und sicheren Umgang mit Hunden lernen. „Jeder Einsatz der hundegestützten Pädagogik erfolgt nur im ausgebildeten Mensch-Hund-Team“, lautet eherne Regel für den Einsatz von Schulhunden, der unter ständiger Aufsicht der Hundeführerin läuft.

Und der bellende Einsatz muss freilich auf die Bedürfnisse von Hund, Schüler und der Schule individuell angepasst werden. Die Schulleitung war die entscheidende Instanz, ob Mo und Kalle zum Schulhund werden durften. Schulleiterin Jutta Meier wurde von den beiden Lehrerinnen von Anfang an eingebunden. Und nicht nur sie sollte voll hinter dem Projekt stehen. Auch die komplette Lehrerschaft, die Elternvertretung und auch der Hausmeister wollten überzeugt sein. Alle Vorbehalte mussten aus dem Weg geräumt werden fürs Projekt der tiergestützten Pädagogik.

„Das Kollegium war schnell ins Boot geholt“, sagt Rektorin Meier, doch mussten auch der Schulträger und das Schulamt in Kenntnis gesetzt werden, ausformulierte Konzepte zur hundegestützten Arbeit sollten erarbeitet und versandt werden, Schuleltern wollten eingebunden sein. Schließlich musste ebenfalls ausgeschlossen sein, dass es in den „Hundeklassen“ Kinder mit Allergien gegen Hundehaare oder auch Phobien gegen die bellenden Vierbeiner gibt. „Manche Ängste und Vorbehalte können durch die Einhaltung klarer Regeln und der Wirkung eines Hundes auf die Schüler ausgeräumt werden“, sagt Meier.

„Eine immer wieder aufkommende Frage war und ist, ob die Kinder durch den Hund nicht vom Unterricht abgelenkt werden“, sagt Funk. Klar, dass in den ersten Stunden der Klassenzuwachs sicher die Aufmerksamkeit auf sich zog, doch „schnell haben sich die Schüler an Kalle oder Mo gewöhnt, und sie sind dann Teil des Unterrichts“, ergänzt Lüdicke. Die Kinder lernen nicht nur fürs Leben und den Lehrer, sondern auch liebend gern für den Hund.

Sicher auch, dass die Hunde im Unterricht für kurze, willkommene Abwechslung sorgen, sie mit kleinen Leckerli-Spielen ins Lernen mit eingebunden werden. Doch sind es eben diese kurzen Unterbrechungen, die sich positiv auf die Stimmung in der Klasse auswirken. (Von Thomas Meier)

Im Erdkundeunterricht mit Schulhund Mo und Lehrerin Julia Funk die Welt und das tierische Leckerli in der Mira-Lobe-Schule entdecken.

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