Zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus Erinnerung an Joseph Winter

Wie ein Eppertshäuser Pfarrer ins KZ kam

Pfarrer Joseph Winter überlebte die Schrecken des Nationalsozialismus. Das Porträt entstand 1968. Repro: ZKN
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Pfarrer Joseph Winter überlebte die Schrecken des Nationalsozialismus. Das Porträt entstand 1968. Repro: ZKN

Heute vor 76 Jahren befreiten Soldaten der Roten Armee das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau – das Lager, das zum Inbegriff des Holocausts wurde. Seit 1996 gilt der Tag in Deutschland als Gedenktag an die Millionen Opfer des Nationalsozialismus, seit 2005 auch international. Er erinnert an Entrechtete, Gequälte und Ermordete, darunter europäische Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle und Behinderte – um nur einen Teil aufzuzählen.

Auch Menschen, die auf irgendeine Weise Widerstand gegen das NS-Regime leisteten, kamen in Haft. Der langjährige Kirchenarchivar Hubert Schledt aus Eppertshausen sammelte Unterlagen über einen mutigen Eppertshäuser Kirchenmann, der 1943 ins KZ Dachau verschleppt wurde. Hier dessen Geschichte – kurz nacherzählt aus Beiträgen des Dom- und Diözesanarchivs Mainz. Gegen das Vergessen von Willkür und Machtmissbrauch.

Joseph Winter war seit 1. Mai 1932 katholischer Pfarrer in Eppertshausen. Neben Predigten in der Kirche gab er Religionsunterricht. Im Oktober untersagte ihm das Hessische Staatsministerium seine Lehrtätigkeit. Der benannte Grund: Aufhetzen der Kinder, die der Hitler-Jugend oder dessen weiblichen Pendant, dem Bund Deutscher Mädels angehörten. Zudem weigerte sich Winter, sämtliche religiösen Vereine, insbesondere den der Katholischen Jugend aufzulösen, um sie in die Staatsjugend überzuführen.

Im November 1933 kam es zu Streitigkeiten wegen der Beflaggung der Kirche. Pfarrer Winter schrieb in einem Bericht ans Bischöfliche Ordinariat, ein junger Polizeidiener habe sich gewaltsam Zugang zum Kirchturm verschafft und eine Hakenkreuzflagge gehisst. Winter forderte ihre sofortige Entfernung. Einige Zeit später war der von ihm herausgegebene „Pfarrbote“ seinen Austrägern entrissen, an einem anderen Tag ein Schreiben mit Christusmonogramm als verbotenes Flugblatt deklariert. Das Pfarrhaus wurde – wie Winter weiterschrieb – von SA-Leuten umstellt und einer rabiaten vierstündigen Hausdurchsuchung unterzogen.

Am 16. August 1934 ließ das Hessische Staatsministerium Winters Unterrichtstätigkeit wieder zu. Dargestellt als eine Art Gnadenakt. Vielleicht um den aufmüpfigen und wohl im Ort beliebten Mann ruhig zu stellen? Der fragile Frieden hielt nicht lang. Am 30. März 1935 wurde ihm die Erlaubnis zum Religionsunterricht erneut entzogen. Auch dieses Mal war der angeblich verderbliche und staatsfeindliche Einfluss Winters auf die Jugend schuld. Dass der Pfarrer sich in die Angelegenheiten der Damenturnriege des Turn- und Athletikvereins Eppertshausen einmischte und dem Verein angehörende Turnerinnen bei der Kommunion überging, brachte das Fass zum Überlaufen – obgleich die bischöflichen Leitsätze hinter ihm standen: Er bekam ein Aufenthaltsverbot für den Kreis Dieburg.

Am 20. April 1936 durfte er zurückkehren und sein geistliches Amt in Eppertshausen wieder aufnehmen. Obwohl er ganz still ohne Aufsehen per Auto anreiste, hieß es, er sei „mit Kreuz und Fahnen und großem Tam-Tam“ am Bahnhof empfangen worden, berichtete Winter später. Ein Auflauf von Anhängern des damaligen regimetreuen Bürgermeisters am 1. Mai vorm Pfarrhaus sei die Reaktion gewesen. Sprechchöre mit „Schafft den Burschen wieder fort“ waren zu hören. Dennoch hielt Winter seine Maiandacht in der Kirche, die zudem außergewöhnlich gut besucht gewesen sein soll. Davor, um 18 Uhr, läutete er wie gewöhnlich alle Glocken. Der nächste Vorwurf: er habe aus Protest am Feiertag des deutschen Volkes nicht explizit ab 19 Uhr das Geläut gestartet. Im Juni erfolgte seine zweite Ausweisung.

Am 1. September 1936 ging Winter nach Unter-Schönmattenwag, einem Ortsteil von Wald-Michelbach, und arbeitete dort als Pfarrer. Im März 1943 äußerte er sich kritisch zu der propagandistischen Werbung, junge Frauen sollten dem Führer doch ein Kind zu dessen Geburtstag am 20. April zu schenken. Am 23. September des Jahres kam er in Darmstadt in Polizeihaft und am 22. Oktober nach Dachau ins Konzentrationslager.

Eingepfercht mit an die 350 Personen in einem Raum für 50 schlief er mit sieben anderen in drei Betten. Er arbeitete in der Besoldungsstelle der SS, jätete auf ihren Feldern, stopfte Strümpfe und nähte Zelttücher. Die Arbeiten waren hart, die Schikanen der SS immer gegenwärtig, schreibt er später, aber er überlebte. Am 11. April 1945 wurde er entlassen.  (zkn)

Eppertshausens Gedenkstätte an die jüdische Gemeinde und die Schrecken des Nationalsozialismus.

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