Eine dystopische Welt

„1984“ knapp und ansehnlich

Frankfurt - Bayerns Ministerpräsident Markus Söder hat eine Steilvorlage geliefert.

Es ist ein pointenhafter Zufall, dass die Premiere von Sarah Kortmanns Inszenierung „P(1984)“ am Frankfurter Theater Landungsbrücken frei nach George Orwells dystopischem Roman „1984“ mit dem Tag der Verabschiedung des bedenklichen Polizeiaufgabengesetzes in Bayern zusammenfällt.

In diesem geschickt gefügten Stück klingt so ziemlich alles an, wofür der Roman Allgemeingut geworden ist, von der systematischen Manipulation der Geschichte bis zur kastenhaften Separierung der Gesellschaftsschichten. In groben Zügen wird der zentrale Handlungsstrang um die widerständige Hauptfigur Winston Smith erzählt, die sich dem totalitären Regime im Überwachungsstaat entzieht und entgegen dem Liebesverbot eine Verbindung mit einer jungen Frau namens Julia eingeht. Was zwangsläufig auffliegt und in eine beklemmend gezeigte Umerziehung mittels Folter mündet.

Mit knappen Mitteln schafft Prisca Ludwig einen dank Lichtwechseln für unterschiedliche Situationen offenen Raum. Ein paar von der Decke herabhängende Bauleuchten, Drahtparavents und zwei Pulte werden von einem aufgeklappten Büchlein ergänzt: Dies ist das Tagebuch, dem sich Winston anvertraut. Ab und an leuchtet es und setzt in den intimen Momenten der Niederschrift das Gesicht des Darstellers Sven Marko Schmidt ins Dämmerlicht.

Maskenbildner: Verwandlung mit Silikon und Perücke

Kortmann stellt fortwährend Bezüge zur Gegenwart her. Auf den Schall einer Sirene hin formiert sich das Schauspielerquartett Schmidt, Ulrike Fischer, Daniela Fonda und Jochen Döring zu einem satirisch flippig ausstaffierten Sporttrupp, der seine poppig-tänzerischen Übungen zu Technobeat exerziert.

Die variierende Wiederholung von Bildern ist ein Kennzeichen der Inszenierung. Der eineinviertelstündige Abend ist knapp und plakativ, mit der Direktheit eines Musicals. Die Figuren bleiben schablonenhaft, aber das ist nicht von Schaden. Die Botschaften sind einfach und keineswegs neu, doch wirkt das nicht platt oder klischiert. Eine sehr ansehnliche Theaterarbeit. (zik)

Weitere Aufführungen am 3., 7. und 8. Juni.

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