Äußersten EU-Randgebieten ganz nah

„Weit weg von Brüssel“: Stefan Enders’ Foto-Projekt im Kommunikations-Museum

+
„Weit weg von Brüssel“: Stefan Enders zeigt in Frankfurt Arbeiten, die auf einer siebenmonatigen Reise entlang der gesamten Außengrenzen der EU entstanden sind.

Frankfurt - Jurek Zajac hat einen unerschütterlichen Humor: „Einsam ist es schon manchmal. Doch der Bär kommt ja regelmäßig vorbei.“ Der 60-jährige Zajac arbeitet als Köhler in den südostpolnischen Waldkarpaten; wenn die Öfen erst einmal gut brennen, bleibt er für Wochen oder gar Monate im Wald.  Von Christian Huther

Das macht er schon 27 Jahre so und hat noch Muse zum Lesen. Zuletzt hat er in nur zwei Wochen die mehr als 1200 Seiten von Leo Tolstois Roman „Krieg und Frieden“ geschafft.

Die Waldkarpaten zählen zwar zur Europäischen Union, sind aber „Weit weg von Brüssel“ – so nennt der Fotograf Stefan Enders sein Projekt, in sieben Monaten die äußersten Randgebiete der EU zu erkunden. Mit einem Kleinbus fuhr er insgesamt 31 000 Kilometer, in Schottland beginnend und weiter über Nordirland und die Normandie nach Griechenland, in die Ukraine und Polen bis zum Endpunkt in Finnland, etwa 500 Kilometer nördlich des Polarkreises.

Dabei traf er auf faszinierende Menschen, vom Arbeitslosen bis zum Gewerkschaftsboss, die er in rund 200 großen Schwarz-weiß-Porträts auf Papier bannte, ergänzt von zahllosen kleinen Farbfotos. Eine Auswahl von etwa 65 Bildern zeigt Enders nun im Museum für Kommunikation Frankfurt bis 10. März. Weitere sechs Porträts hängen vor dem Museum, darunter auch das Bild des etwas bärbeißig dreinblickenden Köhlers Jurek Zajac, der mit seinem Zweizeiler über die Einsamkeit und den Bär in die großartige Schau lockt.

Der 60-jährige Fotograf Enders ist mehr als 20 Jahre für das „Stern“-Magazin durch die Welt gereist, lehrt aber seit 2005 Fotografie an der Mainzer Hochschule. Vor drei Jahren nutzte er sein Freisemester zu einer Reise durch die Regionen abseits der Metropolen. In Brüssel, Berlin und Paris wird zwar die große Politik entschieden, aber Enders wollte zu den Menschen, die sonst nicht zu Wort kommen. Erst einige Monate nach seinem Aufbruch im März 2015 begann die sogenannte Flüchtlingskrise, die auch der Fotograf zu spüren bekam –in den Grenzregionen der südlichen Länder.

Dschungel-Feeling: Die letzten Urwälder in Europa

Stefan Enders zeigt ein Europa, das man so nicht kennt, in das man normalerweise nicht kommt und in dem man auch nicht Urlaub machen will. Der Fotograf war ganz auf sich allein gestellt, eine auch sehr persönliche Erfahrung. Wer ihm unterwegs auffiel, den fragte er, ob er ihn fotografieren dürfte. Oft entspann sich dabei ein Gespräch, aus dem Enders drei oder vier typische Sätze zum Porträt hinzufügte.

Ein Mechaniker aus Nigeria etwa berichtet, dass er gar nicht nach Europa wollte. Er hatte einen Job in Libyen, doch die dortige Polizei zwang ihn mit der Waffe auf ein Flüchtlingsboot. Seine hochschwangere Frau kam später nach, nun leben sie mit ihren Kindern im sizilianischen Ragusa.

Zu diesen dramatischen oder drastischen Geschichten passen die großen Porträts mit den harten Schwarz-weiß-Kontrasten. Alle Fotos sind ähnlich aufgebaut. Der Porträtierte schaut in die Kamera, der Hintergrund ist noch erkennbar, aber leicht unscharf. So wirken alle gleich, werden sogar „auf den Sockel gehoben“, wie Enders sagt. 

 „Weit weg von Brüssel“, Museum für Kommunikation Frankfurt, Schaumainkai 53. Bis 10. März 2019, Dienstag bis Freitag, 9-18 Uhr, Samstag und Sonntag, 11-19 Uhr. Eintritt: 5 Euro. Internet: www.mfk-frankfurt.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare