Viel Gefühl in den Fingerspitzen

Alte Oper: Pianist Alexei Volodin und Mariinsky-Orchester

Ausdrucksstark: Valery Gergiev dirigiert das Mariinsky-Orchester. J Foto: Achim Reissner/Alte Oper
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Ausdrucksstark: Valery Gergiev dirigiert das Mariinsky-Orchester.

Frankfurt - Es gibt wenige Orchesterwerke, die Gefühle ihrer Zeit so eindrucksvoll in Töne kleiden wie Dmitri Schostakowitschs 4. Sinfonie. In der traurigsten aller Tonarten, C-Moll, gab sie dem Publikum in Frankfurts Alter Oper Eindrücke von der Klangwelt des Russen. Von Sebastian Krämer

Mit pompöser Besetzung von mehr als 100 Musikern und genialer Orchestration werden in dem Werk, das neben schmetternden Passagen im Fortissimo auch düstere, leisere Partien bietet, die Ängste des Genies hör- und nachfühlbar. Im Januar 1936, als die Sinfonie kurz vor dem Abschluss stand, war in zwei „Prawda“-Artikeln Kritik an seiner Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ geäußert worden. Im Stalin-Regime musste Schostakowitsch fortan um sein Leben fürchten. Seine erst 1961 uraufgeführte Sinfonie versah er mit einem Aufführungsverbot.

Mit dem Orchester des Mariinsky-Theaters St. Petersburg und dem renommierten Dirigenten Valery Gergiev präsentierte sich ein würdiges Ensemble für das gut einstündige Werk im ausverkauften Großen Saal der Alten Oper. Der Chef der Münchener Philharmoniker gilt als wichtiger Vermittler russischer Musik in hiesigen Landen, was sich etwa in der Gründung der Russisch-Deutschen Musikakademie zeigt. Ohne Taktstock und mit viel Fingerspitzengefühl streichelt der Pultstar hauchzart die Klangfarbenklaviatur seines Orchesters, um kleinste Nuancen zum Vorschein zu bringen. Außerhalb der Musik war Gergiev durch seine affirmative Haltung zur Krim-Politik Vladimir Putins in jüngster Zeit in die Kritik geraten.

Unstrittig war neben seiner Ausdeutung der Werke auch Alexei Volodins formidable Leistung bei Sergei Prokofjews drittem Klavierkonzert C-Dur. Mit der konzentrierten Knappheit seiner vier Sätze und seiner hohen Virtuosität entwickelte sich das Solostück neben „Peter und der Wolf“ rasch zu einem seiner beliebtesten Werke. Als „Paganini des Klaviers“ hatte der Komponist zu Lebzeiten den Solopart gern selbst übernommen und wurde von New York bis London als Pianist und Komponist ebenso gefeiert wie in seiner russischen Heimat. Es gehört zur Tragik seiner Biografie, dass er die Zeit nach Stalin nicht mehr erlebte – er starb 50 Minuten vor dem Sowjet-Diktator. Mit der Leichtigkeit einer russischen Eiskunstläuferin glitten die Finger des Leningraders Volodin über die Tasten, was das Publikum zu einem in Frankfurt unüblichen Beifallssturm nach dem ersten Satz verführte.

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Bei so viel Rasanz und Opulenz war es den Organisatoren zu danken, dass sie mit Claude Debussys „Prélude à l’après-midi d’un faune“ einen entspannten Einstieg gewählt hatten. Als Schlüsselwerk an der Schwelle zur Moderne rundete es gelungen einen Abend ab, der nach Schostakowitschs Sinfonie verständlicherweise eine Zugabe entbehren musste.

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