Interview

In Hessen fehlen tausende Erwerbstätige

Fachkräfte fehlen: Ein Flüchtling aus Somalia arbeitet an einem Wärmetauscher. Er absolviert ein Praktikum in der Produktion bei einem Industrieunternehmen. Foto: dpa
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Fachkräfte fehlen: Ein Flüchtling aus Somalia arbeitet an einem Wärmetauscher. Er absolviert ein Praktikum in der Produktion bei einem Industrieunternehmen. 

Hessen ist auf Zuwanderung angewiesen. Das Arbeitskräfteangebot werde sich bis 2030 um bis zu 400 000 Erwerbspersonen reduzieren, sagt Frank Martin, Regionaldirektor Hessen der Bundesagentur für Arbeit, im Gespräch mit dieser Zeitung.

Frankfurt – Das Fachkräfteeinwanderungsgesetz ist für ihn ein Hoffnungsschimmer.

Was ist aus Ihrer Sicht das Ziel des Gesetzes?

Das Fachkräfteeinwanderungsgesetz soll in erster Linie Erwerbsmigration aus Drittstaaten erleichtern. Es ist ein wichtiger Baustein, um dem Fachkräftemangel in einigen Branchen, wie zum Beispiel dem Bereich Pflege und Gesundheit, zu begegnen. Hierzu werden die Hürden bei der Zuwanderung für qualifizierte Fachkräfte aufgehoben.

Wie sehen die wesentlichen Neuerungen aus?

Das Gesetz öffnet nicht nur Hochqualifizierten den deutschen Arbeitsmarkt, sondern auch Menschen mit anerkannter Berufsausbildung. Die bisherige Begrenzung auf Engpassberufe entfällt, zudem wird für Fachkräfte keine Vorrangprüfung durchgeführt. Neu ist auch, dass Menschen mit einem anerkannten Abschluss ohne Arbeitsplatz einreisen und sechs Monate nach einer Arbeit suchen können. Vorausgesetzt wird, dass sie die notwendigen Deutschkenntnisse besitzen und ihren Lebensunterhalt sichern können.

Hessen braucht Zuwanderung. Wie hoch ist der Bedarf?

Bereits jetzt ist Hessen von Zuwanderung abhängig. Ohne ausländische Beschäftigte wäre das Beschäftigungswachstum in Hessen nicht halb so hoch ausgefallen. Rund 16 Prozent der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten in Hessen haben bereits jetzt keinen deutschen Pass. Ohne die Ausbildungsbereitschaft junger Flüchtlinge würde es auf dem Ausbildungsmarkt deutlich schwieriger werden, offene Lehrstellen zu besetzen.

Und der langfristige Bedarf?

Das Arbeitskräfteangebot in Hessen wird sich bis 2030 voraussichtlich um bis zu 400 000 Erwerbspersonen reduzieren. Zuwanderung ist nur ein Aspekt. Vielmehr müssen wir schauen, wie das inländische Erwerbspersonenpotenzial ausgeschöpft werden kann. Wo und wie können wir arbeitslose Menschen noch besser qualifizieren und fit für den Arbeitsmarkt machen? Unter welchen Voraussetzungen können Menschen auch im Alter erwerbstätig sein und bleiben? Wie schaffen wir es, dass Familie und Beruf gelebt werden kann? Dies sind Fragen, die noch beantwortet werden müssen.

Frank Martin leitet die Regionaldirektion.

Wer ist Fachkraft im Sinne des Gesetzes?

Fachkräfte nach dem Gesetz sind Menschen aus Drittstaaten, die eine inländische qualifizierte Berufsausbildung besitzen oder eine gleichwertige qualifizierte Berufsausbildung nachweisen können. Ein deutscher, ein anerkannter ausländischer oder ein vergleichbarer ausländischer Hochschulabschluss wird ebenfalls anerkannt.

Was bedeutet der Wegfall der Vorrangprüfung?

Die Vorrangprüfung ist nicht komplett weggefallen. Sie kann bei Verschlechterung der Arbeitsmarktlage kurzfristig wiedereingeführt werden. Nicht-EU-Bürger konnten bisher nur Jobs annehmen, wenn kein Deutscher oder EU-Bürger dafür infrage kam. Bisher prüfte die Bundesagentur, ob unter allen arbeitslos oder arbeitssuchend gemeldeten Personen, ein potenzieller Bewerber zu finden ist. Erst nach dieser Prüfung konnte eine Arbeitserlaubnis ausgestellt werden.

Das Gespräch führte Marc Kuhn

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