Bedrohte Hässlichkeit

Deutsches Architekturmuseum feiert Brutalismus

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Besitzt durchaus ästhetische Reize: Das Rathaus im israelischen Bat Jam (ca. 1966) ist auch Ort der Kunst.

Frankfurt - Sie haben einen miserablen Ruf: Die brutalistischen Betonbauten der 1960er und 70er Jahre gelten oft als hässlich, unwirtlich und heruntergekommen. Allmählich werden sie abgerissen. Das Deutsche Architekturmuseum widmet der bedrohten Gattung eine umfangreiche Ausstellung. Von Eugen El

Im „Spiegel“ sprach der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt 1977 von „Betonklötzen“. Wien werde „mit Beton verschandelt“, beklagte das Magazin im gleichen Jahr. In Frankfurt wurden seit 2010 drei markante Zeugnisse des Betonbrutalismus abgerissen. Das Historische Museum und das Technische Rathaus sind ebenso aus dem Stadtbild verschwunden wie der AfE-Turm der Goethe-Universität. Auch in anderen Weltregionen sind brutalistische Bauten vom Abriss bedroht. Das Deutsche Architekturmuseum schlägt daher Alarm. „Rettet die Betonmonster!“ lautet der Untertitel der von Oliver Elser kuratierten Brutalismus-Schau.

Zu Beginn des Rundgangs räumen die Ausstellungsmacher mit der verbreiteten Vorstellung auf, die Bezeichnung Brutalismus käme von „brutal“. Anhand einer Champagner-Flasche mit der Aufschrift „brut“ soll dem Besucher klar werden: Der Begriff leitet sich vom französischen Wort für „direkt, roh, herb“ ab. In der Architektur experimentierte Le Corbusier mit groben, sichtbaren Betonoberflächen: „béton brut“. Den Brutalismus zeichnet der Einsatz unverkleideter Materialien (Sichtbeton) aus, aber auch die Zurschaustellung der Gebäudekonstruktion.

Betonperle oder -monster? Die Wiener Dreifaltigkeitskirche wurde 1971 bis 76 nach Entwürfen von Fritz Wotruba gebaut.

Den Ausstellungsbesucher erwarte „eine brutalistische Weltreise“, sagt Kurator Oliver Elser. Die weltweite Verbreitung der Betonarchitektur in den 1960er und 70er Jahren demonstriert die Schau anhand von zwölf Schautafeln. Jede Tafel steht für eine Weltregion und zeigt exemplarische Betonbauten. Erstaunlich ist, dass der Brutalismus in allen politischen Systemen gedeihen konnte: in Deutschland, Westeuropa und Nordamerika ebenso wie in der UdSSR, im ehemaligen Jugoslawien und in Japan, Israel und dem Nahen Osten.

Ergänzt wird die Präsentation durch großformatige Kartonmodelle brutalistischer Bauten. Studenten der TU Kaiserslautern bildeten beispielsweise die 1972 in London fertiggestellte Wohnanlage „Robin Hood Gardens“ nach, die derzeit abgerissen wird. Kleinere Betongussmodelle betonen die skulpturale und formale Qualität brutalistischer Architektur. Weitere Schautafeln illustrieren besondere Aspekte des Brutalismus. Da geht es um Beton als Werkstoff, Kirchenbauten aus Beton, aber auch um Social-Media-Kampagnen, die sich für den Erhalt brutalistischer Bauten einsetzen.

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Der Besucher kann sich ein umfassendes Bild von den weltweiten Ausprägungen des Brutalismus machen. In der Bestandsaufnahme bilden Frankfurt und das Rhein-Main-Gebiet indes eine Randnotiz. Lediglich am Ende des Rundgangs sind einige Fotografien von Gregor Schwind zu sehen. Er hatte unter anderem auch das Offenbacher Rathaus vor der Linse. In der Schau werden seine Bilder von Frankfurter Betonbauten gezeigt. Die Ausstellungsbesucher sind eingeladen, unter dem Hashtag #Betonperle ihre Brutalismus-Fundstücke zu teilen.

„SOS Brutalismus – Rettet die Betonmonster!“, ab morgen bis 2. April im Deutschen Architekturmuseum, geöffnet Di., Do. und So. 11-18 Uhr, Mi 11-20 Uhr.

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