Bewegende Nahaufnahme

„Lisbeths letzte Reise“ hat auf dem Lichter-Filmfest Premiere

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Unter der Trockenhaube des Friseursalons fand Lisbeth Carlé Ruhe und Abstand von den Beschwernissen des Alltags.

Frankfurt - Der Regisseur und Filmprofessor Thomas Carlé hat einen Dokumentarfilm über die letzten Tage, Stunden und Minuten seiner Eltern gedreht. Schonungslos aufrichtig und tief berührend. Von Dieter Schneberger 

„Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen“ – das galt für Generationen unserer Vorfahren. Bis im vergangenen Jahrhundert eine Verdrängung von Sterben und Tod einsetzte, die trotz der unbestreitbaren Erfolge der Hospizbewegung noch immer nicht ganz überwunden ist. Gestorben wird hierzulande meist erst in einem hohen Alter und zu 80 Prozent in einem Intensivbett im Krankenhaus, umringt von Medizin- und Pflegeprofis. Was Sterben und Tod wirklich bedeuten, erfahren meist nur die engsten Angehörigen. Die Söhne und Töchter, die einen Arzttermin nach dem andern vereinbaren, so manchen Notrufeinsatz koordinieren, nächtelang am Pflegebett wachen, die Lippen ihrer Lieben befeuchten, sich mit deren Suizidwünschen konfrontiert sehen, mit ihnen klagen, bangen und beten. Einer von ihnen ist der Professor für Videoproduktion an der Hochschule Darmstadt, Thomas Carlé. Der früher auch an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung lehrende Filmwissenschaftler hat über einen Zeitraum von 14 Jahren mit der Kamera das Leben und Sterben seiner Eltern dokumentiert – und ist ihnen dabei erschütternd nahegekommen.

Der 63-Jährige zeigt in seinem Film „Lisbeths letzte Reise“ ungeschminkt den geistigen und körperlichen Verfall seines Vaters Heinrich Carlé und das aufopferungsvolle Bemühen seiner deutlich jüngeren Mutter Lisbeth, die Situation anzunehmen, bis sie ihn tot im Bett findet. Und er zeigt den schweren Lebensabend von Lisbeth, die über Jahre zwischen Pflegeheim und Krankenhaus hin- und herpendelt und schließlich „verkabelt und verdrahtet“, wie es Carlé ausdrückt, wegdämmert. Zu sehen sind aber auch die kleinen Momente des Glücks. Den Ausflug des an Alzheimer erkrankten Heinrich Carlé, seine kleinen Erfolge beim Decken der Kaffeetafel und immer wieder Lisbeths Friseurbesuche, die sie bis zuletzt genießt. Unter der Trockenhaube, mit einem stillen Lächeln und einer Illustrierten in der Hand. Weit weg vom Siechtum ihres Mannes, vom letzten Krankenhausaufenthalt, von den Beschwernissen des Alltags.

Wie man ein Thema, das intimer nicht sein kann, filmen kann? „Ich fand den bisherigen Umgang mit Krankheit, Sterben und Tod in Film und Fernsehen unbefriedigend und oberflächlich“, sagt Thomas Carlé. „Und ich hatte durch die jahrelange Begleitung meiner Eltern mit der Videokamera genügend Material zusammen.“ Als 2014 der Film „Boyhood“ von Richard Linklater in die Kinos kommt, der über einen Zeitraum von zwölf Jahren das Erwachsenwerden eines US-Mittelschichtjungen erzählt, beginnt der Träger des Grimme- und des Max-Ophüls-Preises, die Aufnahmen zu bearbeiten.

Wichtig sei ihm gewesen, die unterschiedlichen Wege der Eltern darzustellen, sagt Carlé. „Mein Vater lehnte jegliche künstliche Verlängerung seines Lebens ab. Er verweigerte Essen und Trinken und nahm seine Medikamente nicht mehr. Dagegen pendelte meine streng katholische Mutter jahrelang zwischen Pflegeheim und Krankenhaus und kämpfte um jeden Tag, auch aus Angst, die Kontrolle zu verlieren.“ Für den Filmemacher war das Drehen eine Gratwanderung. „Einerseits wollte ich nichts beschönigen, andererseits meinen Eltern nicht ihre Würde nehmen.“ So habe es auch immer wieder Phasen gegeben, „wo ich nicht mehr weitermachen wollte, weil es mir zu nahe ging“. Die „ganz harten Sachen“ habe er schließlich herausgeschnitten.

Er selbst würde am Ende seines Lebens den Weg des Vaters bevorzugen, betont Thomas Carlé. Falls der Sterbeprozess lang und quälend würde, würde er Opiate und Sterbehilfe in Anspruch nehmen. Auf die Frage, ob er nach der jahrelangen Begleitung der Eltern dem Mysterium Sterben und Tod auf die Spur gekommen sei, antwortet Thomas Carlé ohne zu zögern: „Ich habe herausgefunden, wie unglaublich wertvoll das Leben ist und wie schlampig wir in der Regel damit umgehen.“ (epd)

„Lisbeths letzte Reise“ wird am 2. April (20 Uhr) im Frankfurter Mousonturm uraufgeführt. Karten gibt es unter der Telefonnummer 069/407662580.

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