Der Poet des Schweigens

Bob Dylan braucht in Frankfurt keine Reden – nur Musik

Legende, kauziger Haudegen und Literatur-Nobelpreisträger. In Frankfurt waren beim Bob-Dylan-Konzert keine Fotografen zugelassen. Eine Archivaufnahme muss daher genügen.

Frankfurt - Der dünne alte Mann mit Hut, der schweigt. Zumindest sagt er nichts. Tut er ja immer. Dafür singt er, was auch sonst? Nach einer gefühlten Ewigkeit macht Bob Dylan mit seiner „Never Ending Tour“ wieder in der Festhalle Frankfurt Station. Von Peter H. Müller 

Und zimmert dort weiter an der eigenen Legende. Als das Mikro endlich mitspielt, fährt Dylan alles auf. Historische Jazzballaden, tiefblauer Midnight-Swing, famoser Bluesrock und ein bisschen Country. Mit der ihm eigenen Kauzigkeit bleibt festzustellen: Herr Robert Allen Zimmermann aus Duluth/Minnesota ist auch mit bald 76 zweifelsfrei der beste Sänger unter den Literaturnobelpreis-Trägern. Mit Abstand. Allerdings braucht selbst eine gut geölte Ikone ein funktionierendes Mikrofon, zumal in der bestuhlt ausverkauften Riesenhalle.

Immerhin, nach eineinhalb Songs – das Eröffnungsstück „Things Have Changed“ tönt, freundlich formuliert, suboptimal – hat der Techniker inmitten von „Don’t Think Twice, It’s All Right“ plötzlich den Schalter hochgeregelt: Dylan ist wieder Dylan, sonor, kraftvoll, kernig, magisch, bluesrockig. Was auch an seiner großartigen Band um die Gitarristen Charlie Sexton/Stu Kimball und Bassist Tony Garnier liegen mag.

Denn, keine Frage, Songs wie „Highway 61 Revisited“, „Duquesne Whistle“, „Early Roman Kings“ oder das großartige „Desolation Row“ gab’s selten so brillant konturiert und messerscharf zum Genießen. Zwischendurch serviert Dylan im obligatorisch auf düsterste Wohnzimmer-Atmo gedimmten Rund ein wenig dessen, was Kritiker und treue Fans seit geraumer Zeit noch mehr irritiert hat als die Entscheidung der Stockholmer Nobelpreis-Jury: Dylan, die ewige Ikone der 1960er Gegenkultur, hat mit Frank Sinatra das große amerikanische Songbuch entdeckt. Und „dessen Tiefe und Unvergänglichkeit“, soll er mal in einem seiner seltenen Interviews erklärt haben.

Sein musizierendes Statement dazu ist lakonisch „Triplicate“ überschrieben, ein Dreifach-Album mit ironiefreien Cover-Versionen von Jazz-/Swing-Standards, die allenthalben für bescheidene Begeisterung gesorgt haben. Geschmacksache.

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In das Frankfurter 100-Minuten-Programm der seit 1988 rollenden „Never Ending Tour“, hat es jedenfalls nur ein „Triplicate“-Werk geschafft: Harold Arlens „Stormy Wather“, das Mister Bob im Stehen, mit dem Mikro-Ständer herumwedelnd, zum Besten gibt – es ist einer der wenigen Ausflüge vom angestammten Platz am Flügel.

Ansonsten – auch das ist Dylan-typisch: keine Ansage, kein Wort ans Auditorium, kein Show-Firlefanz – eher gepflegter Autismus eines souveränen Haudegen, der sich vor Jahren schon das müde Herz leergesungen zu haben schien, aber nun ganz offensichtlich seine Mitte und den Spaß wiedergefunden hat. Auf jeden Fall wirkt er so fokussiert und konzentriert wie lange nicht mehr. Auch wenn sich wieder mal über die dramaturgische Idee hinter der Setliste und über so manches Arrangement streiten lässt.

Während etwa Sinatras „Melancholy Mood“ auch im Dylan-Modus trefflich klingt, gerät Johnny Mercers „That Old Black Magic“ zu einer ziemlich albernen Angelegenheit, ähnlich wie eine seltsame, erst im Refrain erkennbare Humtata-Variante von „Blowin´ In The Wind“. Eine gemeinsame Nicht-Verbeugung mit seiner Combo nach der letzten Zugabe mit der Ballade vom dünnen Mann – das muss genügen. Bis zum nächsten Besuch des, man kann es nicht oft genug erwähnen, Literaturnobelpreis-Tägers.

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