180 Boxen, eine Couch, ein Flipper

Deutsches Filminstitut kauft Fassbinder-Nachlass

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Bei den Dreharbeiten von „Händler der vier Jahreszeiten“ (1971): Herbert Paetzold, Dietrich Lohmann, Rainer Werner Fassbinder, Harry Baer (von links)

Frankfurt - Er war viele Jahre im Gespräch, jetzt ist der Deal perfekt: 180 Archivboxen mit Drehbüchern, Dialoglisten, Drehplänen, Briefen, Urkunden und anderen Schriftstücken des deutschen Kultregisseurs Rainer Werner Fassbinder sind nach Frankfurt unterwegs.

Juliane Maria Lorenz-Wehling, Fassbinders Film-Editorin und Erbin des Nachlasses, hat einen großen Teil des in Berlin aufbewahrten Archivs, der „Rainer Werner Fassbinder Foundation“ (RWFF), an das Deutsche Filminstitut und Filmmuseum übergeben. Der neue Eigentümer hat für den Schatz ein eigenes „Fassbinder Center“ eingerichtet. Im Frühjahr soll es für Forscherinnen, Forscher, Besucherinnen und Besucher öffentlich zugänglich sein.

In den ehemaligen Räumen der Deutschen Industriebank an der Eschersheimer Landstraße 121 werden die historischen Exponate demnächst untergebracht: Auf 1 000 Quadratmetern, verteilt auf zwei Etagen, ist neben einem Lesesaal und Büroräumen vor allem viel Platz für Archivregale. Dort soll nach Vorstellung des Deutschen Filminstituts nicht nur der Fassbinder-Nachlass seinen Platz finden, sondern auch der größte Teil des Bild- und Schriftbestandes aus dem Bereich Neuer Deutscher Film. Dazu gehören unter anderem Archive von Regisseuren wie Volker Schlöndorff, Peter Fleischmann oder Reinhard Hauff, von den Filmarchitekten Heidi und Toni Lüdi und von Kostümbildnerin Barbara Baum. Neben Schriftstücken sollen auch einige Kostüme und Requisiten dort aufgehoben werden, sagte eine Sprecherin des Filminstituts gestern.

„Die Übernahme des Nachlasses von Rainer Werner Fassbinder ist eine große Ehre für das Deutsche Filminstitut und Filmmuseum, das damit seinen langjährigen Sammlungsschwerpunk Neuer Deutscher Film entscheidend ausbaut“, sagte die Direktorin des Deutschen Filmmuseums Frankfurt, Ellen Harrington, laut einer Mitteilung gestern. Der Erwerb des 750.000 Euro teuren Nachlasses sei mithilfe der Hessischen Kulturstiftung, der Kulturstiftung der Länder und der Stadt Frankfurt möglich geworden. Die Stadt habe zusätzlich die Raummiete für das „Fassbinder-Center“ für die kommenden zwei Jahre übernommen und fördere die Etablierung der Sammlung im neuen Archiv mit 500.000 Euro, hieß es gestern.

Unter den Gegenständen, die demnächst in das „Center“ ziehen, ist auch Fassbinders Flipperautomat und ein braunes Ledersofa aus seiner Münchner Wohnung. Mit Frankfurt verband den Regisseur, der 1982 mit nur 37 Jahren starb, eine Zeit voller Debatten: 1974/75 war er Mit-Intendant am Theater am Turm, eine Inszenierung am Schauspiel wurde in den 1980ern von Demonstranten verhindert. (beri)

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