„Brutstätte für neue Ästhetiken“

30 Jahre Künstlerhaus Mousonturm: Für Intendant Pees ein Grund zum Feiern

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Ein Highlight des Mousonturm-Programms im vergangenen Jahr: Auf der Offenbacher Hafeninsel spielte die Band Baby of Control, deren Mitglieder hauptsächlich Kunststudierende aus Offenbach sind. 

Ende 1988 ist das Künstlerhaus Mousonturm in einer ehemaligen Seifenfabrik im Frankfurter Nordend eröffnet worden. Am Samstag, ein wenig verspätet, wird es mit einer Party sein dreißigstes Jubiläum feiern.

Frankfurt – Seit 2013 ist Matthias Pees Intendant der Produktions- und Spielstätte für freie Ensembles mit den Schwerpunkten Performance und Tanz. Der 49-Jährige ist zuvor unter anderem an Frank Castorfs Berliner Volksbühne und am Schauspiel Hannover sowie zuletzt Leitender Dramaturg bei den Wiener Festwochen gewesen.

Worin unterscheidet sich der Mousonturm von anderen internationalen Produktionshäusern dieser Art?

Den Mousonturm hat der Gründungsintendant Dieter Buroch 22 Jahre lang mit einer starken Handschrift geleitet und eine kontinuierliche Zusammenarbeit mit vielen Künstlern aufgebaut. Die starke lokale Säule hatte Niels Ewerbeck, sein nach kurzer Zeit verstorbener Nachfolger, zum Teil gekappt. Wir arbeiten inzwischen stärker mit einer neuen Generation von Künstlern vor Ort ...

… die von den Hochschulen kommen ...

Nirgendwo sonst in Deutschland gibt es eine solche Dichte von Ausbildungsinstitutionen für das Theater, von der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst über die theaterwissenschaftlichen Studiengänge in Gießen und in Frankfurt, den Verbund der Hessischen Theaterakademie, dann auch entsprechende Studiengänge an der Städelschule und der Hochschule für Gestaltung in Offenbach. Frankfurt ist eine Brutstätte für neue Ästhetiken. Das hatte man etwas aus den Augen verloren, weil viele bekannte Gruppen, die von Gießen kamen, wie Rimini Protokoll oder She She Pop, nach Berlin gezogen waren, weil die Förderung dort besser war. In Frankfurt gibt es erst seit fünf Jahren wieder Geld in diesem Bereich.

Seitdem es einen Theaterbeirat gibt, bekommen vermehrt neue Frankfurter Produktionen und nicht ausschließlich die Alteingesessenen mehr Geld.

Das merkt man sofort. Die Anzahl der Freien Gruppen ist sprunghaft gestiegen. Bei uns arbeiten internationale und lokale Künstler auf Augenhöhe, unter den gleichen Bedingungen, mit den gleichen Produktionszeiten. Am Mousonturm geht es stärker um Prozesse als um Ergebnisse. Der Anspruch ist: Wir wollen einen Raum schaffen, in dem sich Künstler entwickeln können.

Was heißt das für den Zuschauer?

Als Zuschauer geht man mit einer anderen Offenheit in den Mousonturm: Mal sehen, was die Künstler so machen. Die Erwartungshaltung ist eigentlich, dass alles möglich ist. Das ist in der Regel nicht herkömmliches Theater, das sind auch Stadtlabore, wo es beispielsweise um politische und wirtschaftliche Fragen geht. Das ist auch ein Ort, an dem Leute alternative Formen des Zusammenlebens ausprobieren können. Es geht weniger darum, sich am literarischen Kanon abzuarbeiten, sondern viel auch um die Möglichkeiten des Körpers, der ja in der nordeuropäischen Gesellschaft vermeintlich keine so große Rolle spielt, was in Wirklichkeit gar nicht stimmt, denkt man bloß an Sex oder Krankheit.

Reicht die ökonomische Ausstattung der Stadt?

Wir bekommen zurzeit vier Millionen Euro jährlich von der Stadt, wovon einiges für Miete und Personalkosten abgeht. Es bleiben mindestens zwei Millionen für die künstlerische Arbeit. Das Jahresbudget inklusive Kasseneinnahmen, Produktionsförderung und Drittmitteln schwankt zwischen 5,5 und 6 Millionen. Sinnvoll wäre eine Million mehr Zuschuss.

Die Raumkapazität im Frankfurt-LAB, das wir uns mit anderen Institutionen wie der Dresden Frankfurt Dance Company und dem Ensemble Modern als Produktionsort teilen, könnten wir viel häufiger auch für Vorstellungen nutzen. Wenn die Stadt ihre Investition noch effizienter machen wollte, müsste sie etwas Geld drauflegen. Was uns fehlt, ist ein Ort für große Tanzproduktionen, mit einer großen Bühne und 500 bis 600 Zuschauerplätzen, was ja auch wieder mehr Kasseneinnahmen bringt. Wir hoffen darauf, dass das neue LAB, das auf dem vorgesehenen Kulturcampus in Bockenheim angesiedelt werden soll, diese Bedingungen erfüllt.

Können Tänzer, Performer, Regisseure oder Bühnenbildner, die ganzjährig an Häusern wie dem Mousonturm beschäftigt sind, davon ausgehen, dass es sich davon leben lässt?

Es gibt eine gewisse Tradition in der Freien Szene, die damit begann, dass die Künstler sich sagten: Wir machen was wir wollen, egal wie viel Geld wir dafür kriegen. So hat sich eine gewisse Armutstradition herausgebildet. Die andere Frage ist: Wie viele Spielmöglichkeiten gibt es für die Künstler? Wenn sie mit ihren Stücken häufiger auftreten könnten, würden sie natürlich mehr Geld einspielen. Der Mousonturm ist, anders als viele andere Theater, wenigstens in der Lage, gewisse Mindeststandards gewährleisten zu können. Aber wenn jemand dann nur zwei Tage im Monat spielen kann und nicht zehn oder 15, hilft das natürlich auch nicht viel. Aus einer bestimmten Perspektive ist ein Haus wie der Mousonturm das Paradies, im Vergleich zu den großen Häusern sind die Verhältnisse in jedem Fall prekär.

Das Interview führte Stefan Michalzik.

Geburtstagsparty: „30 Jahre Mousonturm“, Samstag, 16. März, 19 Uhr, u.a. mit den Live-Acts Baby of Control, Les Trucs, The OhOhOhs. Infos und Tickets: mousonturm.de

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