Händels Drama „Radamisto“ an der Oper Frankfurt

Charaktere auf dem Prüfstand

+
Machtbewusstes Ungeheuer in Abendgarderobe: Kihwan Sim trumpft als Despot Tiridate stimmlich auf.

Frankfurt - .  Ein Diktator, der über Leichen geht, steht im Mittelpunkt der Frankfurter Erstaufführung von Georg Friedrich Händels Oper „Radamisto“ im Bockenheimer Depot. Von Klaus Ackermann 

Geschundene Menschen und unerbittliche Mächte: Wie in einem Labor legt Regisseur Tilmann Köhler die Charaktere in Georg Friedrich Händels Opera seria „Radamisto“ auf den Prüfstand, die jetzt als Frankfurter Erstaufführung im Bockenheimer Depot Premiere hatte. Dabei intensiv unterstützt vom Barock-Spezialisten Simone Di Felice, der mit dem historisch informierten, zügig aufspielenden und sicher begleitenden Frankfurter Opern- und Museumsorchester eine enervierende Klangkulisse erstellt. Für permanente emotionale Gipfelgänge der allesamt verletzten Helden.

Es geht in der antiken Opernvorlage um den Despoten Tiridate, König von Armenien, der, zwar noch verheiratet mit Polissena, Tochter des Königs von Thrakien, die schöne Zenobia liebt, Frau des thrakischen Thronfolgers Radamisto – und dabei über Leichen geht. Krieg an allen Fronten also, ein Beinahe-Selbstmord und die Kehrtwendung des letztlich von Bruder und Freund an den Pranger gestellten, reumütigen Diktatoren sind Eckpunkte des in Arien, Kavatine, in erregenden Arioso und Rezitativen vorangetriebenen Geschehens.

Eine riesige Treppe dominiert das ehemalige Frankfurter Straßenbahndepot (Bühnenbild: Karoly Risz), auf der Regisseur Köhler seine Figuren wie in Versuchsanordnung arrangiert, die ihr Innerstes nach außen kehren – step by step sozusagen. Die sich in aktueller Kleidung zu Tableaus formieren und zu alten Meistern nachempfundenen Schmerzensbildern erstarren.

Kriegsbilder und Flüchtlingsleid überziehen per Video die weiträumige Bühnentreppe, wenn der Konflikt kulminiert. Szenische Drastik ist angesagt, wenn die übers Geländer (in den Fluss) gesprungene, verzweifelt liebende Zenobia wiederbelebt wird. Und wo das gefühlvoll Erhabene dominiert, ist das Lächerliche leider nicht fern. Wenn der machthungrige Tiridate den alten König in Ketten gelegt hat (Thomas Faulkner mit Charakterbass) posiert er noch für ein Selfie. Und Tiridate-Bruder Fraarte – der Koreaner Vince Yi verfügt über einen außergewöhnlichen Sopran – die unselige Zenobia aufmuntern will, schenkt er ihr einen Glückskeks.

Stark in Ausdruck und Stimme ist Mezzosopranistin Paula Murrihy als Polissena, ausgemusterte Noch-Ehefrau des blutrünstigen Diktators. Dessen Verbündeten Tigrane gibt Danae Kontora mit feintimbriertem Sopran, hier in einer Hosenrolle, aber ohne Erfolg bei der angehimmelten Polissena. Als Zenobia, personifizierte Verzweiflung, ist der fulminante Mezzo von Gaelle Arquez ungemein präsent, wenn sie die Furien um Hilfe anfleht, in einer Wahnsinnsarie, bei der einem der Atem stockt. Als Titelheld bringt Countertenor Dmitry Egorov seine ungewöhnliche Stimmfarbe empfindsam ein, von der Regie freilich nicht als der Mutigste gezeichnet.

Als machtbewusstes Ungeheuer im Abendanzug bleibt Kihwan Sim szenisch seiner Linie treu, selbst stimmlich seine Stärke herausposaunend und mit der Weltkugel wie mit einem Ball spielend. Erhebliche Zweifel an seiner Reue hat wohl auch das Frankfurter Produktionsteam. Schneidet doch der geläuterte Despot dem wiedervereinten Paar andeutungsweise die Kehlen durch. Und zum Happy-End-Septett fließt virtuelles Blut die Treppenstufen hinunter …

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare