In der Alten Oper

Daniel Hope an der Violine überzeugt mit „Vivaldi: Recomposed“

Frankfurt - Das kann kein Zufall sein: Der Legende nach machte 1284 der Besuch des „musikalischen Kindesentführers“ die Stadt Hameln bekannt. Knapp 700 Jahre später erblickt der Komponist Max Richter in eben dieser nierdersächsischen Stadt das Licht der Welt. Von Sebastian Krämer

2014 landet er einen großen Hit mit dem Soundtrack zur Fernsehserie „Leftovers“. In der geht es ausgerechnet darum, dass plötzlich zwei Prozent der Weltbevölkerung verschwinden. Ein moderner Rattenfänger, sozusagen.
Am Sonntagnachmittag müssen sich die Anwesenden in der Alten Oper Frankfurt zum Glück keine Sorgen um ihren Nachwuchs machen. Und das, obwohl Musik von Richter im Großen Saal erklingt – sein „Vivaldi: Recomposed“. Eine Hommage an Vivaldis „Vier Jahreszeiten“, die an diesem Abend ebenfalls zu hören sind.

Mit einer gelungenen Mischung aus postmoderner Minimalmusik im Philip-Glass-Stil und filmmusikalischen Elementen setzt der in Berlin lebende Komponist die Motive des Originals modern um. Abgesehen von der dezenten elektrischen Verstärkung und einer Harfe lässt er dabei die orchestrale Originalbesetzung unangetastet. Während sich das gefällige Werk harmonisch spannend gestaltet, schöpft Richter rhythmisch nicht immer aus dem Vollen und setzt stattdessen häufig auf sphärische Klänge. Wo sich am Anfang des Konzerts das Original der „Vier Jahreszeiten“ noch deutlich erkennen lässt, blitzt es im späteren Verlauf nur noch vereinzelt auf. Etwa, als Richter im zweiten Satz des „Sommers“ einen Lamento-Bass deutlich hervortreten oder im ersten Satz des „Winters“ eine unerwartete Geigenmelodie entstehen lässt. Nachdem er zuvor den bekannten Originalrhythmus stückweise dekonstruiert hat. Dabei merkt der Zuhörer, dass Richter die Solostimme auf den irischen Geiger Daniel Hope und seine makellose Technik zugeschnitten hat.

Gemeinsam mit dem Leverkusener Orchester „L’Arte Del Mondo“ entwickelt sich dementsprechend ein wunderbar-transparentes Klangfresko, das barocke und postmoderne Harmonie-Pigmente beeindruckend zusammenführt. Doch auch Vivaldis Originalkomposition aus dem Jahr 1725 wird vor der Pause ein würdiger Rahmen gegeben. So rezitiert Daniel Hope vor jedem der originalen vier Violinkonzerte das zugehörige (wahrscheinlich von Vivaldi stammende) Sonett in Deutsch.

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Nach dem stürmisch vorgetragenen Schlusssatz des „Sommers“ muss Hope erst mal durchpusten und fühlt sich an das politische Berlin erinnert. Er sieht in Vivaldis „Sommer“ einen musikalischen Beitrag zu den aktuellen Regierungsverhandlungen. Höchster Aufregung im ersten Satz folgten zunächst ruhige, aber nie endende Sondierungsrunden und schließlich ein radikaler Abbruch.

Der Beifall am Ende des zweistündigen Programms und zwei gelungener Zugaben lässt erahnen, dass die Stadt Hameln in Zukunft auch durch Max Richter an Bekanntheit gewinnen wird.

Rubriklistenbild: © dpa

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