„Es war ein abgefahrener Trip“

Tokio Hotel: Einstige Teenie-Idole in der Batschkapp

+
Neuer Look, neue Musik (von links): Gustav Schäfer (Schlagzeug), Tom (Gitarre) und Bill (Gesang) Kaulitz sowie Bassist Georg Listing von Tokio Hotel.

Frankfurt - Was für eine Hysterie: Als Tokio Hotel 2005 „Durch den Monsun“ in die Charts stürmen, prasseln Mädchenherzen, Millionengewinne und Kritikerspott auf sie nieder. Am Freitag erscheint ihr fünftes Studioalbum „Dream Machine“ – danach geht’s auf Tour. Von Enrico Sauda

Am 16. März kommen die Jungs in die Frankfurter Batschkapp. Wir sprachen mit. Bill und Tom Kaulitz über ihre neue Kompromisslosigkeit.

Sie kennen eine Menge Städte von ihren Touren. Was schätzen Sie an Frankfurt?

Bill: Den Flughafen. Der hat einen tollen Raucherbereich.

Tom: Wenn ich in Deutschland bin, dann ist Frankfurt immer die erste Stadt, die ich erreiche. Von der sehe ich natürlich nichts. Aber wir haben Freunde in Frankfurt, die immer zu unseren Konzerten kommen.

Festhalle, Gibson, jetzt Batschkapp – wie ist das, von großen Hallen in kleinere umzuziehen?

Tom: Das ist etwas ganz anderes. Eine andere Art von Show. Wir machen schon länger elektronische Musik und auch das neue Album knüpft daran an. Wir wollen die Läden in eine Club- und Partyatmosphäre tauchen. Das hat bei der letzten Tour sehr gut funktioniert – vor allem in Läden dieser Größe.

Wie lange waren Sie mit dem Vorgängeralbum von „Dream Machine“ unterwegs?

Bill: Bis November. Das war eine der besten Tourneen, die wir je gespielt haben. Wir wollten unbedingt und so schnell wie möglich weitermachen und haben daher bereits Tickets für die neue Tour verkauft, bevor überhaupt das neue Material vorlag.

Die beste Tour, die Sie jemals gespielt haben. Was war denn besonders gut?

Bill: Alles. Vor allem wir als Band. Je länger man zusammen spielt, desto besser fühlt man sich. Diese Entwicklung endet auch nach 15 Jahren nicht. Wir haben unglaublich viele neue Sachen ausprobiert und haben das Gefühl, dass wir mit der Art von Musik, die wir machen und mit unseren Live-Shows angekommen sind.

Tom: Wir haben noch nie eine Tour so genossen und bewusst wahrgenommen. Das kommt mit der Zeit, dass man sich als Musiker bewusster wird, was man so macht. Wir haben uns noch nie so wohl gefühlt als Band.

Auf der Bühne und drum herum?

Tom: Genau. Das hat alles gestimmt. Für uns selbst. Damals, vor zwölf Jahren mit „Durch den Monsun“, das war ein abgefahrener Trip. Aber die Entwicklung, die hat auch was mit dem Älterwerden zu tun. Wir als Band haben nicht das Gefühl, etwas beweisen zu müssen oder unter Druck zu stehen, sondern versuchen, uns vollkommen zu entspannen.

Bill: „Dream Machine“, das neue Album, steht unter dem Zeichen, nur das zu machen, worauf wir Bock haben. Ohne Kompromisse. Wir spielen diese ganze Business- und Musikpolitik nicht mehr mit. Uns geht es darum, dass wir Spaß daran haben, dass wir auf alles Lust haben. Alles andere kommt erst weit danach. Auch das ist etwas, was man als Band erst mit den Jahren lernen muss.

Haben diese Veränderungen etwas mit Ihrem Lebensmittelpunkt zu tun, der in Kalifornien liegt?

Tom: Der spielt auf jeden Fall eine Rolle. Wir haben hier ein ganz anderes Leben. Zu dem Zeitpunkt, als wir aus Deutschland abgehauen sind, war das an der Grenze. Damals konnten wir nur im Haus leben, hatten kein Dasein außerhalb der Band. Da haben wir uns gefragt, ob wir so überhaupt weitermachen können und wollen. Vor sechs Jahren zogen wir nach Los Angeles, und hier haben wir ein ganz neues Leben angefangen. Wir treffen Leute, die wir musikalisch gut finden.

Gibt es da jemanden, der Sie besonders beeindruckt hat?

Bill: Es ist gar nicht so künstlerbezogen, sondern wir meinen das allgemein. Es ist vor allem die Freiheit, die wir hier haben. Es gab in Deutschland und Europa für uns nichts mehr, denn wir waren an einem Punkt angelangt, an dem wir gar nicht mehr schreiben und komponieren konnten. Wir konnten kein richtiges Leben führen. Und hier können wir machen, was wir wollen. Das macht es überhaupt möglich, dass wir Musik schreiben und offen sind für Begegnungen mit anderen.

Wahrscheinlich fallen Sie dort gar nicht auf.

Bill und Tom: Genau.

 

Tom: Das ist das Schönste an L.A.: Man kann sich dort echt gut verstecken.

Bill: L.A. Ist insgesamt anders als viele Städte. Ein Schmelztiegel vieler Religionen und Kulturen. Hier wundert sich niemand über den anderen. Nichts spielt eine Rolle. Keiner schaut drauf, wie du aus dem Haus gehst.

Sie spielen viel in Russland. Warum?

Tom: Wir haben 2015 gut 20 Termine dort gespielt. Und es war so gut, dass uns klar war, dass wir auf jeden Fall wieder dort spielen wollen. Und das ist erst der Anfang, denn es ist für uns ein super geiler Markt und die Fans sind unglaublich loyal. In Südamerika ist es auch so. Das sind so Länder, in denen nicht jeden Tag ein Konzert stattfindet.

„Dream Machine“ ist das erste Album nach ihrer Trennung vom Label Universal. Sie sagten, dass in diesem Album Ihre Seele steckt. Bedeutet das im Umkehrschluss, dass in den Vorgängern die „Tokio Hotel“-Seele fehlte?

Tom: Dieses Album hat zum ersten Mal komplett unsere Seele, weil wir keine Kompromisse eingehen mussten – keine kreativen. Mit Universal waren wir sehr lange zusammen und waren verpflichtet, mit bestimmten Leuten zu arbeiten. Dieses Mal konnten wir alles selbst entscheiden. Wir waren ganz frei. Das fühlte sich unglaublich gut an. 

Tokio Hotel Konzert im Gibson Frankfurt

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare