Peter Feldmann fährt einen angekündigten Sieg ein

„Eine ganze Stadt ist aufgestanden“

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Der gestrige Abend gehörte Wahlsieger Peter Feldmann (SPD). Seine CDU-Herausforderin Bernadette Weyland blieb in ihrem Ergebnis weit hinter ihm zurück.

Frankfurt - Um 19.10 Uhr brandet Applaus auf. Die breite Treppe im Römer wird zur Zone der Aufwartung, wird überschwemmt von Menschen. Von Michael Eschenauer

Der Typ, von dem alle seit Tagen sicher sind, dass er die OB-Wahl gegen CDU-Herausforderin Bernadette Weyland für sich entscheiden wird, hat wirklich gewonnen. Das Frankfurter Rathaus wird am gestrigen Abend Schauplatz eines angekündigten Sieges – und die werden in Frankfurt besonders ausgelassen gefeiert. „Peter, Peter, Peter!“ Die Weggefährten, die dem alten und neuen Oberbürgermeister nach seinem überwältigenden Wahlsieg gratulieren wollen, stehen nicht Schlange. Sie übergeben ihm ihre Glückwünsche in dicht gedrängten, hin- und herwogenden Reihen. Für die Presse ist da kaum ein Durchkommen. Hat man es geschafft, trifft man auf einen leise sprechenden Wahlsieger. Gelingt es einem doch, sich seinem Mund bis auf zehn Zentimeter zu nähern, vernimmt man im Crescendo der Stimmen Folgendes: „Nein, ich habe nicht mit diesem Ergebnis gerechnet. Das ist der Hammer. Der Erfolg hat nicht nur mit meiner Person zu tun. Eine ganze Stadt ist aufgestanden für ihre Interessen.“

Und während man mit dem Schreibblock verzweifelt um ein paar weitere Sekunden Nähe kämpft, sagt der eher schmächtige Mann noch etwas, das in der gesamten SPD großes Echo finden könnte: „Ich bin Vertreter aller Frankfurter, aber ich habe ein besonderes Herz für die Bedürftigeren. Ich bin Teil eines Prozesses. Diese Stadt muss gerechter werden, auch wenn man dabei unbequeme Wege gehen muss. Ob dieses Rezept auf die Politik meiner Partei übertragbar ist, weiß ich nicht. Aber insgesamt sollte die SPD weniger auf Imageberater hören als auf die Menschen.“

„Sehr viele Dinge liefen gegen mich.“ Bernadette Weyland hat noch nicht über ihre politische Zukunft entschieden.

„Peter ich freu’ mich so, des glaubste nett!“, ruft ein Gratulant, und da treibt Feldmann im Menschenmeer auch schon davon, flankiert von dem strahlenden Chef der Hessen-SPD, Thorsten Schäfer-Gümbel, und dem Frankfurter SPD-Chef Mike Josef. Schäfer-Gümbel fällt in dieser Lage nur noch der Satz ein: „Wir Sozis wissen, wie man arbeitet, aber auch, wie man feiert.“ Kurze Zeit vorher bescheinigt er seinem Parteifreund „Geradlinigkeit und einen Charakterkopf, mit allem, was so dazugehört.“ Es sei ein gutes Zeichen, dass in größeren hessischen Städten außer in Fulda und Bad Homburg die CDU keine Bürgermeister mehr stelle. Der Frankfurter Sieg sei einer der klassischen SPD-Werte. Ob sich die SPD auf diese Weise stabilisiere? „Vielleicht. Es würde Zeit“, sagt Schäfer-Gümbel.

Die unterlegene Bernadette Weyland hatte sich kurz vor 19 Uhr in die Wahlparty getraut. Begleitet von Frankfurter OB-Übermutter Petra Roth macht sie angefunkelt von 50 Kamera-Linsen auch die Medien für ihre Niederlage verantwortlich. „Die Presse war nicht immer freundlich zu mir. Sehr viele Dinge liefen gegen mich“, sagt die Politikerin, der auch der politische Gegner Engagement und sympathisches Auftreten bescheinigt. Auch der Begriff „fake news“ fällt. Sie brauche jetzt ein paar Wochen Abstand zu diesen anstrengenden und aufregenden Wochen, sagt Weyland. Und zu Feldmanns Taktik merkt sie an: Der politische Gegner habe bestimmte Reizthemen besetzt und schlankweg behauptet, diese Probleme lösen zu können, was aber nicht der Fall sei. Sie gehe mit Themen anders um. Sie arbeite inhaltlich, statt vieles anzukündigen. Hinsichtlich ihrer Bürgernähe müsse sie sich keine Vorwürfe machen. Wie es politisch für sie weitergeht, weiß sie noch nicht.

Liveticker zur Stichwahl: Feldmann bleibt Oberbürgermeister

Als Trostpflaster erwartet die 60-jährige vierfache Muter jetzt ein Labrador-Welpe, den Tochter Charlotte (25) ihr versprochen hat. Petra Roth bescheinigt der Parteifreundin „Steherqualitäten“. Es sei für die CDU wichtig gewesen, einen Kandidaten anzubieten. Auch wenn die Niederlage vorauszusehen gewesen sei und Weyland keine großen Chancen gehabt habe, habe diese „mit dem Herzen gekämpft“.

Und dann legt „die Roth“ mit einem neuerlichen Beweis für ihre Überparteilichkeit nach: „Die erste Wiederwahl ist die schwerste. Feldmann, da bin ich überzeugt, kann jetzt entspannter regieren. Er wird eine gute Politik für die Stadt machen.“ Dass dies so kommen wird, daran lässt der Abend nach Schließung der Wahllokale um 18 Uhr zu keiner Zeit irgendwelche Zweifel zu. Um 18.12 Uhr führt Feldmann bei nur 20 von 490 ausgezählten Wahlbezirken bereits mit 74,9 Prozent vor Weyland mit 25,1 Prozent. Und aus dem 20-Prozent-Gefängnis gibt es für die CDU-Politikerin fortan kein Entrinnen mehr.

Bürgermeister und Landräte aus der Region

Bernd Reisig, Musikmanager und ehemaliger FSV-Funktionär, ist aktiver Feldmann-Unterstützer. Er bescheinigt dem OB hohe Glaubwürdigkeit. „Die Stadt wird den einfachen Leuten aus der Hand gerissen. Peter Feldmann hält dagegen. Die Leute trauen ihm was zu.“ Der ehemalige Frankfurter Kulturdezernent Felix Semmelroth (CDU) sieht auch Versäumnisse seiner eigenen Partei. „Es wäre notwendig gewesen, die Bekanntheit unserer Kandidatin mit prägnanten Zielen zu steigern. Die Unterstützung durch die CDU war da, aber sie hat offensichtlich nicht gereicht.“

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Verkehrsdezernent Klaus Oesterling (SPD) bescheinigt Weyland eine unklare inhaltliche Linie. „Und dann ist sie auf Feldmanns Themen drauf gesprungen.“ Die SPD-Fraktionsvorsitzende Ursula Busch sieht Feldmann sehr gestärkt. Allerdings befinde man sich in einer Koalition mit CDU und Grünen. Doch auch dort sei man gut beraten, das gute Ergebnis der SPD zur Kenntnis zu nehmen.

Feldmann Superstar? Nicht ganz. Abseits des Siegestaumels hört man auch von SPD-Leuten Kritisches. Der 59-Jährige sei zwar zum Polit-Profi gereift, aber auch distanzierter, kalkulierter, weniger spontan geworden. Ob CDU und Grüne je zu einem konstruktiven Verhältnis gegenüber dem SPD-Oberbürgermeister finden werden, ist ungewiss. Er selbst tue nichts, um Probleme zu lösen, heißt es. Die Erfolge der Römer-Koalition sauge er aber auf und reklamiere sie für sich – ausnahmslos.

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