Aufbruch in ein befreites Leben

„Abschied von den Eltern“ in der Box

+
Peter Schröder interpretiert den Text von Peter Weiss.

Frankfurt - Er stellt sich einfach vor das Publikum und beginnt zu reden, ohne Aufhebens. Diese scheinbar unwillkürliche Selbstverständlichkeit, geschöpft aus einer genauen Arbeit an dem Text – viel mehr braucht es nicht für diesen Abend mit dem großen Schauspieler Peter Schröder. Von Stefan Michalzik

Die 1961 veröffentlichte und autobiografisch motivierte Erzählung „Abschied von den Eltern“ von Peter Weiss reklamiert das Frankfurter Schauspiel plausibel für sein spielzeitüberspannendes Thema „Umbrüche – Wie sind wir geworden, wer wir sind?“ Die Eltern – vom Schriftsteller als „Portalfiguren meines Lebens“ apostrophiert – waren zum Zeitpunkt der Niederschrift, die ohne Absatz verfasst und für die Aufführung schlüssig gekürzt wurde, gerade kurz hintereinander gestorben. Weiss, der sich als Maler und als Experimentalfilmer versuchte, wurde vom Vater in eine bürgerliche Existenz gezwungen. Mit über vierzig erkannte Weiss, dass es für einen Aufbruch in ein befreites, dem Schreiben gewidmetes Leben eine Auseinandersetzung mit der Familiengeschichte brauchte: mit dem „gänzlich missglückten Versuch von Zusammenleben, in dem die Mitglieder einer Familie ein paar Jahrzehnte lang beieinander ausgeharrt hatten“.

Eine dunkel getäfelte Holzwand, davor ein paar zerschlissene Lederbänke: Es ist ein transitorischer Raum, den Loriana Casagrande für die Inszenierung des Regieassistenten Kornelius Eich in der Reihe „X-Räume – Spielräume“ in der Box geschaffen hat. Man stellt sich das Foyer eines Bürohauses älteren Baudatums vor. Kein Ort, an dem man sich auf Dauer niederlassen könnte.

Zirkus Chicana zeigt „Time Warp“: Bilder

Es ist eine dunkle, warme und eindringliche, auch ruhelos klingende Stimme, mit der Peter Schröder von dieser Familie erzählt und das Erlebte gegenwärtig macht, jedes Pathos meidend. Die Mutter, eine einstige Schauspielerin, dominant und streng. Der Vater, von eher weichem Wesen, nichtsdestotrotz patriarchal; Prügel gibt er ohne Überzeugung. Früh gilt der Junge als „Träumer“. Seine Neigungen gelten nichts, auch nicht in der Schule, wo der Lehrer eine schwarze Pädagogik mit sadistischer Lust praktiziert.

Unter der Bedrohung durch den Nationalsozialismus wird die Familie in die Emigration über London und Prag nach Schweden getrieben, eine Erfahrung mit euphorischen Momenten wie Tiefen; ein Versuch an einer Kunsthochschule scheitert. Außerordentlich feinnervig und ohne Prätention intensiv ist Schröders Spiel, befördert durch die Nähe in der gedrängten Theaterkammer. Unbedingt sehenswert.

Für die zweite Aufführung am heutigen Dienstag gibt es eventuell Restkarten an der Abendkasse.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare