In Eschersheim

Toter Mann hing in den Ästen - Diese Linde ist Frankfurts ältester Baum

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Im Winter trägt der Lindenbaum zwar keine Blätter, ist aber nicht weniger imposant als im Sommer. 

In Eschersheim in Frankfurt steht der älteste Baum der ganzen Stadt. Die Linde hat in ihrem langen Leben bereits einiges mitbekommen: Schon Tote hingen in ihren Ästen.

  • Ältester Baum in Frankfurt ist eine Linde
  • Er wird vermutlich nicht die volle Lebenszeit erreichen
  • Der Baum hat in den vergangenen Jahrhunderten schon einiges erlebt

Frankfurt - Manchmal ist es besser, wenn man ganz genau hinschaut. Denn nur dann lässt sich erkennen, dass die zwischen Hügelstraße und Weißem Stein gerade verlaufende Eschersheimer Landstraße auf der Höhe der Straße "Am Lindenbaum" eine kleine Kurve macht. Ganz leicht müssen die nach Norden fahrenden Autos dort nach links schwenken, während die nach Süden rollenden Fahrzeuge weiterhin auf gerader Strecke unterwegs sind. Sogar die U-Bahnen in Richtung Heddernheim fahren eine kleine, für die Fahrgäste kaum spürbare Kurve.

Und warum das alles? Um den ältesten Eschersheimer Bewohner und sein Wurzelwerk zu schützen - den mehr als 300 Jahre alten Lindenbaum, den im Baumkataster der Stadt Frankfurt ältesten erfassten Baum. 237 766 Bäume im Stadtgebiet sind darin aktuell erfasst - ohne die Exemplare auf Privatgelände oder im Stadtwald.

Ende des 17. Jahrhunderts, so die Schätzungen der Experten, wurde die prächtige Winterlinde an der östlichen Seite der Eschersheimer Landstraße, die damals noch eine unbebaute Chaussee war, gepflanzt. Als Landmarke und Schattenspender für reisende Kaufleute diente die kleine Linde. Kleine Linde, weil etwas weiter nördlich, am heutigen Weißen Stein und damaligen Ortsrand Eschersheims, bereits 50 Jahre zuvor eine größere Linde gepflanzt worden war. Mit dieser meinte das Schicksal es jedoch nicht gut. Im 19. Jahrhundert wurde die Linde schwer beschädigt, die Reste stürzten 1923 bei einem Sturm ein. Übrig blieb nur noch der dicke Stamm, der dann jedoch gefällt wurde.

Der kleine Lindenbaum hingegen trotzte allen Widrigkeiten. So überstand er nicht nur einen Blitzschlag, er musst auch unters Messer der Baumchirurgen. Und das mehrfach. 1955, 1974 sowie 1984 legten die Experten Hand an ihn. Denn Autoabgase, sauerer Regen, Bakterien und Pilze taten dem Natur-Koloss nicht gut. Faule Stellen wurden deswegen herausgeschnitten, die Wunden mit Imprägniermittel versorgt und ein Witterungsschutz aufgetragen. 

Frankfurt: Prognostizierte Lebenszeit des Baums ist leicht verkürzt

1968 erhielt er sogar einen eigenen Wasseranschluss. 1984 war es der mittlerweile verstorbene Karl Peßler, der den Lindenbaum intensiv behandelte und ihm damals eine Lebenszeit von bis zu 900 Jahren prognostizierte. Stünde er nicht an einer vielbefahrenen Straße, sondern am Feldrand, so die Schätzung Peßler damals, dann könnte der Lindenbaum auch locker 1000 Jahre alt werden.

In den 1960er Jahren herrschte noch weniger Verkehr auf der Eschersheimer. Auch die U-Bahn fuhr noch nicht, der Baum hatte mehr Platz und bessere Luft zum Atmen.

Mehr als 20 Meter misst der grüne Riese heute, 170 Zentimeter beträgt der Durchmesser seines Stammes mit den typischen Beulen. 1937 schließlich wurde der Lindenbaum mit seiner gewaltigen Krone als Naturdenkmal ausgezeichnet. Bis zu 40 Meter, sagen Experte, könnte eine Winterlinde groß werden.

Für die Eschersheimer ist der Baum längst viel mehr als nur ein Baum. Er ist ihr Baum, ihr Wahrzeichen. Der TV Eschersheim und auch der Bürgerverein tragen die Linde sogar in ihrem Wappen und als die Ludwig-Richter-Schule 1928 eingeweiht wurde, da war die Linde wie selbstverständlich da. Eine Straße und die U-Bahn-Haltestelle und der Kiosk an der Linde tragen sogar ihren Namen.

Dinge, die so vielleicht nicht passiert wären, wenn der Lindenbaum gefällt worden wäre. Denn darüber wurde tatsächlich nachgedacht. So sagte im September 1961 der damalige Bürgermeister Rudolf Menzer (SPD): "Die Linde muss im Zuge der Verbreiterung der Eschersheimer Landstraße beseitigt werden. Leider besteht keine Möglichkeit, die Linde zu retten."

Doch der Baum blieb stehen, während 300 Platanen fallen mussten. Das war 1966. Oberbürgermeister Willi Brundert hatte versprochen, dass der Lindenbaum nicht gefällt wird. So schrieb es damals diese Zeitung. Auf der Fahrt zur Turnhalle des TV Eschersheim in der Maybachstraße habe sein Fahrer ihn zu dem imposanten Baum chauffiert und von ihm das Versprechen verlangt, dass die geliebte Linde beim Ausbau der Eschersheimer nicht angetastet werde. "Dieses Versprechen muss ich halten", sagte Brundert. Denn sonst fahre ihn sein Fahrer womöglich gegen den letzten Frankfurter Baum, bevor er gefällt werde.

Ältester Baum in Frankfurt: Toter hing schon in den Ästen

Es sind aber auch kuriose Dinge, die der Lindenbaum in den vergangenen 300 Jahren so erlebte. Kurz nach dem Ersten Weltkrieg zum Beispiel, als Eschersheim und der Dornbusch noch nicht so zusammengewachsen waren wie heute, begann es im Sommer unter der Linde zu stinken. Die Eschersheimer wunderten sich sehr, konnten aber der Ursache nicht auf den Grund gehen. Erst als das Laub fiel, sahen sie es mit Schrecken: Weit oben in den Ästen hing der verweste Leichnam eines Mannes.

Ansonsten sind es freilich die schönen Dinge, die man sich über den Baum, ein gern gewählter Treffpunkt im Stadtteil, erzählt. Ein Baum, der bis vor drei Jahren sogar eine eigene Hoheit hatte - die alle zwei Jahre neu gewählte Lindenkönigin. Ehre, wem Ehre gebührt! 

 Von Judith Dietermann

Wurden nicht so alt wie die Linde: Im Grüneburgpark in Frankfurt scheint eine 130 Jahre alte Gruppe aus vier Buchen das Ende ihrer Tage zu erleben. Eine wurde bereits gefällt, eine weitere ist von Pilzen befallen.

Wahrscheinlich nicht einmal eine Vermisstenmeldung gab es im Fall einer in Oberzent aufgefundenen toten Person. Die Polizei rätselt derzeit über den Hintergrund des Leichenfunds.

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