Zukunftsmodell Vertrauensurlaub

In dieser Frankfurter Firma bestimmen Mitarbeiter selbst über die Länge ihres Urlaubs

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Bei "byte5" wird auf Vertrauensbasis die Urlaubsflatrate eingeführt. Das freut Marcel Wege, Patricia Geron, Tita Biel, Christian Wendler und Laura Vogt (von links). Aber es gibt natürlich wichtige Grundregeln, bevor man acht Wochen verreist.

Urlaub bis zum Abwinken - beim Frankfurter IT-Dienstleister "byte5" soll Wirklichkeit werden, wovon viele Arbeitnehmern träumen. Jeder Mitarbeiter kann jetzt so viele bezahlte Urlaubstage nehmen, wie er möchte.

Frankfurt - Noch ist alles ein Plan. Es ist der Plan vom bezahlten Urlaub ohne Grenzen, von Ferien-Flatrate und Vertrauen. Hört sich an wie der Traum aller Arbeitnehmer. Für die rund 20 Mitarbeiter des IT-Anbieters "byte5" an der Hanauer Landstraße soll das ab dem 1. Juli Wirklichkeit werden. "Wer eine längere Reise machen möchte, kann dann auch mal sechs, acht Wochen weg bleiben", erklärt Unternehmenssprecherin Laura Vogt (30).

Sorgen, dass Kollegen die neue Regelung über Gebühr strapazieren könnten, hat sie nicht. "Wir müssen wahrscheinlich eher darauf achten, dass sich die Kollegen nicht selbst ausbeuten und kaum noch Urlaub machen, etwa weil sie sich zu stark mit dem Unternehmen identifizieren." Das neue Urlaubs-Modell heißt "Vertrauensurlaub". Allerdings gelten auch für diesen Regeln, erklärt Laura Vogt.

Regel Nummer 1: Jeder hat seine Aufgaben und Projekte im Blick und plant seinen Urlaub so, dass niemand leidet, weder Kunde noch Kollege. "No pain policy" heißt das im Firmen-Terminus. Regel Nummer 2: Jeder muss übers Jahr den gesetzlichen Mindestanspruch von 20 Urlaubstagen realisieren. Soll heißen: Weniger geht nie, mehr immer. Oberste Prämisse sei: Die Arbeit muss erledigt werden. Die neue Idee als "Urlaubs-Flatrate" anzusehen, entspräche nicht dem Kern des Gedankens. "Es geht nicht darum, immer so viele Urlaubstage wie möglich für mich rauszuschinden", sagt Vogt. "Es geht darum, in hohem Maße flexibel zu sein."

Vertrauen und Eigenverantwortung statt starrer Regeln

Vertrauen und Eigenverantwortung statt starrer Regeln gehöre ohnehin schon zur Firmenphilosophie, erklärt Laura Vogt. Vertrauensarbeitszeit und Home-Office seien seit 2018 Arbeitsalltag bei "byte5". "Jeder kann ins Büro kommen, wann er will oder von zu Hause arbeiten", sagt Laura Vogt. Gerade Kollegen mit Kindern käme diese Flexibilität entgegen. Probleme gebe es keine. "Alle arbeiten ihre 40 Stunden pro Woche - mindestens. Die Arbeitszufriedenheit ist enorm hoch." Der Betrieb hat 20 Mitarbeiter und ist nicht tarifgebunden.

Den "Vertrauensurlaub" erfunden hat der Frankfurter IT-Dienstleister indessen nicht. Laut Laura Vogt folge der Klebestreifen-Hersteller Tesa bereits diesem Modell. Für eine Anfrage dieser Zeitung war gestern bei dem Hamburger Unternehmen niemand erreichbar.

Nicht nur die Arbeitnehmer profitieren

Moderne Arbeitszeitmodelle haben nicht allein für die Arbeitnehmer Vorteile. Für Firmengründer Christian Wendler ist der Nutzen eines von Familienfreundlichkeit, Selbstbestimmtheit und individueller Freizeitgestaltung geprägten Arbeitsumfeldes hoch: Weil es sich positiv auswirkt auf die Motivation und die Leistung jedes einzelnen Arbeitnehmers sowie auf das Arbeitsklima insgesamt.

Als Vorreiter der Praxis des Vertrauensurlaubs gilt der US-amerikanische Streaming-Anbieter Netflix. In Zeiten zunehmenden Fachkräftemangels könnte dieses Modell zum Vorteil im Wettbewerb um die besten Mitarbeiter gehen. In Deutschland werben immer mehr Unternehmen mit unbegrenztem Urlaub. Das geht aus einer Analyse der Jobplattform "Joblift" hervor. Diese hat 14 Millionen Stellenanzeigen zwischen März 2016 und März 2018 ausgewertet. Das Ergebnis: Rund 130 Arbeitgeber warben demnach in ihren Jobangeboten mit unbegrenztem Urlaub als Teil ihrer Unternehmenskultur. Insgesamt waren 335 Stellen mit dieser Zusatzleistung ausgeschrieben.

Für "byte5" gibt es zwar mit dem Modell Vertrauensurlaub noch keine Erfahrungen, dafür aber bemerkenswerte Resonanz. Radiosender aus München haben bereits bei dem Unternehmen nachgefragt. "Unsere Urlaubs-Flatrate ist in den Medien ein heißes Thema", gibt das Unternehmen beim Kurznachrichtendienst Twitter zu Protokoll. Auch das TV-Format "Frühstücksfernsehen" hat sich in der Hanauer Landstraße die Idee erklären lassen. Das mediale Interesse dürfte ein Hinweis darauf sein, wie rar flexible Arbeitszeit- und Urlaubsmodelle in der modernen Arbeitswelt sind, die noch vorwiegend nach Regeln des vorigen Jahrhunderts funktioniert. Und wie attraktiv solche Angebote für Arbeitnehmer sind. Wie die Hessenschau berichtet, praktiziert eine Darmstädter Beratungsfirma bereits seit einigen Jahren das Modell Vertrauensurlaub. Laut Firmenleitung werde nicht kontrolliert, wie viel Urlaub jeder einzelne Mitarbeiter nehme. Das Konzept sei erfolgreich und werde fortgeführt.

von Sylvia E. Menzdorf

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