Im Visier der Populisten

„Erklärung der Vielen“ gegen Intoleranz und Rassismus

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Gegen Intoleranz und Rassismus: Mehr als 50 Institutionen unterschrieben die „Erklärung der Vielen“

Frankfurt – Frankfurt ist seit gestern Teil der bundesweiten Aktion „Die Vielen“, bei der sich die Kulturszene gegen Intoleranz und rechtspopulistische Vereinnahmung einsetzt. Mehr als 50 Frankfurter Institutionen unterzeichneten die Erklärung. Von Lisa Berins

Das Klima in der Kulturszene ist spürbar rauer geworden. Jetzt wehren sich Kulturschaffende auch in Frankfurt gegen eine stärker werdende Einflussnahme von Rechtspopulisten auf ihre Arbeit. Dass es dabei um mehr als um eine diffuse Infragestellung der Kunstfreiheit geht, wurde gestern im Historischen Museum in Frankfurt klar: Für die Unterzeichner der „Frankfurter Erklärung der Vielen“ ist die Bedrohung ziemlich real, ziemlich nah, und mitunter sogar an der Tagesordnung.

56 Kulturinstitutionen – darunter Museen, das Schauspiel und die Opernhäuser, aber auch freie Theater, Kulturvereine, Verlagshäuser, Ateliers, Clubs, Galerien – haben sich zusammengetan, um sich gemeinsam gegen die „rechtspopulistische Vereinnahmung von Kultur und für eine pluralistische Gesellschaft“ stark zu machen, wie Sophie Osburg sagt, die an diesem Tag für die Frankfurter „Vielen“ spricht. Sie wollen ein Zeichen setzen gegen „Rassismus, Homo- und Transphobie, Frauenfeindlichkeit, Antisemitismus und Islamophobie“.

Die „Frankfurter Erklärung der Vielen“ ist Teil einer bundesweiten Aktion: Am Freitag haben Kulturschaffende in 14 Städten ähnliche Erklärungen öffentlich gemacht – im November waren Berlin, Dresden, Hamburg und Nordrhein-Westfalen mit Statements vorgeprescht. Anlass für die Kampagne sind teilweise konkrete Angriffe gegen Kulturinstitutionen, wie zum Beispiel die Vorfälle am Berliner Friedrichstadt-Palast, der sich nach einer Äußerung des Intendanten gegen die AfD mit Hassmails, Mord- und einer Bombendrohung konfrontiert sah.

In Frankfurt habe es derartige Attacken nicht gegeben, sagt Sophie Osburg. „Gott sei Dank.“ Dennoch sei eine „Frankfurter Erklärung der Vielen“ mehr als nötig gewesen, findet die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Goethe-Universität. Osburg gehört zu einer kleinen Gruppe von Akteuren, die die Frankfurter Erklärung im August 2018 initiiert hat. Darunter ist auch Matthias Pees vom Künstlerhaus Mousonturm. Er sieht ebenfalls eine wachsende Dringlichkeit für das Engagement gegen Rechts – auch, wenn in Frankfurt noch nicht das Ausmaß erreicht sei wie etwa in Dresden, wo die AfD mit Flugblättern auf eine vermeintliche Verschwendung von Steuergeldern für die Kultur hingewiesen habe.

Dennoch: Auch in der Stadt am Main mische die AfD ganz schön mit, berichten die Kulturschaffenden. In einem Etatantrag forderte die Partei 2017 im Römer zum Beispiel die Reduzierung der Zuschüsse für die Städtischen Bühnen um 15 Prozent. Oder sie halte den Kulturbetrieb mit Anfragen auf, in denen sie etwa detaillierte Begründungen für die Bezuschussung von Theatern, Vereinen oder anderen Kulturinstitutionen verlange. Im Jahr 2009, berichten Pees und Osburg, habe es außerdem bei der 20. Geburtstagsfeier des Amts für multikulturelle Angelegenheiten eine massive Störung durch militante Identitäre gegeben.

Dass die Einschüchterung durch Rechtspopulisten keinesfalls eine abstrakte Gefahr, sondern eine „reale Bedrohung“ sei, findet auch die Frankfurter Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD), die die Frankfurter Erklärung „von Herzen“ unterstützt. Insbesondere seien Kulturinstitutionen im Visier der Populisten, denn dort werde frei und offen Identität verhandelt. „Für die Identitäre Bewegung sind wir Feinde, wir werden offen verabscheut“, sagt sie. Erschreckende Beispiele für Unterdrückung und Zerstörung der Kulturpolitik finde man heute unter anderem in Ungarn, Polen und Frankreich, wo der Rassemblement National peu à peu die Kultur „abschaffe“.

Dass es in Deutschland soweit kommt, wollen die „Vielen“ verhindern, und zwar pro-, und nicht „reaktiv“, wie Osburg sagt. Deshalb gebe es in der Erklärung auch die Selbstverpflichtung zu Austausch, Kritik und Diskussion, aber auch zur Solidarität der Unterzeichner, falls es zu „Hetze“ und „Eingriffen in die Freiheit der Kunst“ komme.

Kraftvolles Zeichen gegen Rechts: Protestzug in Berlin

Schon jetzt treffen sich 30 bis 40 Akteure einmal im Monat, sagt Osburg. Geplant sei, die „Frankfurter Erklärung der Vielen“ an ein breites Publikum zu tragen – mittels Vorträgen, Ausstellungen, Gesprächen. Im Mai will sich Frankfurt an einem bundesweiten Aktionstag der „Vielen“ beteiligen.

Auch über die Stadtgrenze hinweg ist man von der Kampagne überzeugt. Gestern unterzeichnete die Offenbacher Kulturreferentin Sabine-Lydia Schmidt die Erklärung. „Wir sind uneingeschränkt solidarisch und stehen Seite an Seite mit der Idee der ,Vielen‘“, sagt sie. Es werde hoffentlich eine lange Liste an Unterzeichnern in Frankfurts Nachbarstadt entstehen.

Und vielleicht, überlegt Schmidt, könne man sogar eine eigene Erklärung auf die Beine stellen.

Zum Nachlesen www.dievielen.de

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