Beleidigt, Angebrüllt, Bespuckt

Gewalt und Bedrohung: Schaffner werden immer öfter angegriffen

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Fahrkarten-Kontrolleur im Einsatz

Schaffner der Deutschen Bahn (DB) und des RMV leiden unter Pöbeleien, Drohungen und Gewalt. Manchmal werden sie sogar angespuckt. 

Frankfurt - Wenn Kollegen bei Thomas Pfeifer oder Sybille Diehl anrufen, gibt es oft schlechte Nachrichten. Der Lokführer und die Kundenberaterin arbeiten beim südhessischen Bahnunternehmen VIAS und stehen im Krisenfall bereit. Denn auch für das Bahnpersonal gibt es Gründe für Wut, Trauer und Verzweiflung. Etwa der Tod eines Menschen auf den Bahngleisen. Die psychischen Folgen für die Lokführer können dramatisch sein. Gleichwohl rückt seit Jahren noch ein anderes Thema in den Fokus der Krisenberater: Anfeindungen und Wutausbrüche von Fahrgästen nehmen zu. 

Deutsche Bahn (DB) und RMV: Angriffe auf Schaffner nehmen zu

„Wir beobachten eine steigende Anzahl von Übergriffen“, sagt Diehl. Die 49 Jahre alte Schaffnerin wurde selbst schon mehrfach beleidigt oder angebrüllt, als sie Reisende zum Vorzeigen der Fahrkarte aufforderte. 

„Verbale Attacken und derbe Beleidigungen sind Alltag“, sagt Diehl. Viele der 52 Kundenbetreuer würden unter solchen Attacken leiden. Ab und zu würden Schaffner sogar geschlagen. „Oft werden wir angespuckt“, sagt Diehl. Mit diesem Problem ist die VIAS nicht alleine. Auch beim Rhein Main Verkehrsverbund (RMV) wird über die aggressiven Vorfälle gesprochen, wie eine Sprecherin sagt. „Deshalb ist die Arbeit der VIAS-Mitarbeiter auch so wichtig“, fügt sie hinzu. Die Deutsche Bahn (DB) registriert eine steigende Zahl solcher „Konfliktfälle“ , wie ein Unternehmenssprecher in Frankfurt sagt. Zahlen wolle man indes nicht nennen. Für solche Fälle, aber auch für Probleme nach Unfällen und Suiziden, stehe bundesweit ein Team geschulter Psychologen für Mitarbeiter bereit. 

Deutsche Bahn (DB) und RMV: Attacken und Beleidigungen auf Schaffner sind Alltag

„Wir erhalten regelmäßig Berichte von Beleidigungen und Attacken“, sagt auch Uwe Reitz, Sprecher der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG). Wie Rettungskräfte und Polizeibeamte, so würden auch Zugbegleiter die Wut der Menschen auf sich ziehen, wenn Dinge nicht funktionieren, wie sie sollten. Aus Sicht von Reitz ist das ein gesellschaftliches Problem. 

„Viele Fahrgäste stehen beruflich und privat extrem unter Stress. Das sorgt womöglich dafür, dass die Hemmschwelle sinkt“, sagt er. Platzmangel im Zugabteil könne leicht Pöbeleien hervorrufen. Bei Verspätungen würden auch Bierdosen gegen Fenster der Triebwagen geschleudert, Schaffner seien schon mit Kaffee überschüttet worden. Das kennt auch das VIAS-Team. Gerade am Morgen seien Passagiere genervt. Etwa wenn sich die Bahn verspätet. Als Schaffner dürfe man die Angriffe nicht persönlich nehmen. „Es geht in solchen Fällen ja nicht um mich. Gemeint sein könnte ja jeder, der in diesem Augenblick die Fahrkarte kontrolliert“, sagt Sybille Diehl. Aber auch sie weiß, Menschen leiden unter solchen Angriffen – ob diese persönlich gemeint sind oder nicht. Daher könnten längst nicht alle Kollegen gelassen bleiben. Wütende Attacken gehen von allen gesellschaftlichen Gruppen aus. „Das gilt vom Bankangestellten bis hin zum Arbeitslosen“, fügt Thomas Pfeifer hinzu. 

Bahnunternehmen VIAS: Traumatische Folgen für Personal

Er selbst ist Lokführer beim Bahnunternehmen VIAS und hat vor sieben Jahren das Krisenteam gegründet. „Solche Erlebnisse können schwere seelische Folgen haben, wenn Betroffene schweigen“, sagt er. Das gelte natürlich auch bei Suiziden oder tödlichen Unfällen. Der Schock sitze danach tief, sagt Pfeifer. „So tief, dass selbst gut gemeinte Erinnerungskerzen an den Unglücksorten oder von Hinterbliebenen aufgestellte Kreuze Wut und Trauer verursachen können“, fügt er hinzu. Dadurch nämlich, würden Lokführer unbeabsichtigt an tragische Unfälle oder Suizide erinnert. Dabei treffe die Kollegen keine Schuld. „Bei einer Geschwindigkeit von 140 Stundenkilometern kann der Bremsweg bis zu 800 Meter betragen. „Die Möglichkeiten des Lokführers sind da begrenzt“, sagt Pfeifer. Um frühzeitig den Sturz in Depressionen oder Verzweiflung stoppen zu können, stehen die Helfer 24 Sunden bereit. 

Manche Lokführer wechseln nach einem Suizid den Beruf

Drei Mitglieder des Teams sind für solche Fälle ausgebildet, drei weitere werden zurzeit geschult. Wie aber sieht die Hilfe konkret aus? „Das wichtigste ist es, ein Gesprächsangebot zu bieten“, sagt Diehl. Manche wollen reden, andere Kollegen sagen keinen Ton mehr. Dennoch sei es wichtig, dass sich Menschen in einer solchen Situation nicht alleine fühlten. Dabei beziehen die ehrenamtlichen Helfer auch Angehörige mit in die Gespräche ein. Wie sieht es mit dem Schlaf aus? Hat sich der Alkoholkonsum nach dem Unfall erhöht? Gerade nach Todesfällen sei es entscheidend, dass sich Lokführer wieder in den Triebwagen setzen. „Es ist wichtig, dass sie sich schnell wieder mit dem beruflichen Alltag auseinandersetzen“, sagt Pfeifer. Es gebe aber auch Menschen, die nach einem Unfall oder einem Suizid nicht mehr als Lokführer arbeiten konnten.

Von Stephen Wolf

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