Chaos in Rödelheim

Wahnsinn im Brentano-Hochhaus: Mieter kämpfen gegen Abzocke und Lärm - die Stadt hilft sogar

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Mieterin Esther Schietinger (34) steht vor dem Brentano-Hochhaus im Stadtteil Rödelheim. Seit in dem 1977 errichteten, 15-stöckigen Gebäude die Sanierungsmaßnahmen begonnen haben, sind die rund 150 Mietparteien mit Lärm, Staub und Mieterhöhungen konfrontiert. Sie schlossen sich zusammen und machten mobil.

Sie haben genug vom Mietwahnsinn in Frankfurt: Mieter in Rödelheim wehren sich gegen Abzocke und Lärm - und bekommen dabei sogar Hilfe von der Stadt.

Frankfurt -  Seit Jahren schläft Esther Schietinger mit Ohrstöpseln und Kopfhörern. 2015 zog die 34-Jährige in die Fünf-Personen-Wohngemeinschaft in Frankfurt Rödelheim, 2017 begannen die Bauarbeiten. Mal wurde das Wasser abgestellt, dann der Storm, Presslufthämmer schlugen Schächte durch das 15-stöckige Haus, Türen und Fahrstühle wurden ausgetauscht. In unvermieteten Wohnungen wurden Fliesen von den Wänden geschlagen und Böden herausgerissen.

Was wann gemacht wird und was das für die rund 150 Parteien bedeutet, erfuhren die Mieter nur auf Nachfrage, berichtet Sascha Prell, der auch im "Brentano-Haus" lebt. "Das lief anfangs total chaotisch, Infos kamen, wenn überhaupt, sehr kurzfristig." Als es endlich eine Mieterversammlung gegeben habe mit einem groben Plan der anstehenden Arbeiten "kam als Dreingabe die Ankündigung, dass die Mieten steigen", sagt Schietinger.

Mietwahnsinn in Frankfurt: Preise sollen drastisch steigen

1500 Euro warm zahlt die WG bisher für knapp 150 Quadratmeter. Jetzt sollten 2,50 Euro pro Quadratmeter Modernisierungsaufschlag dazukommen plus Angleichung an die Vergleichsmiete. Für manche Parteien wären es 50 Prozent mehr gewesen, sagt Schietinger. Das Haus machte mobil. Die Mieter schlossen sich zusammen, ließen sich juristisch beraten, gingen an die Presse. Im OB-Wahlkampf luden sie unter anderem Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) ein, der tatsächlich vorbeikam. Helfen konnten auch er nicht wirklich.

Neben dem Blick auf die Frankfurter Skyline (links) bietet sich im Brentano-Hochhaus im Stadtteil Rödelheim auch der Blick auf die marode, mit Asbest belastete Fassade (rechts)

Seit knapp drei Monaten gibt es für Fälle wie diesen eine neue Anlaufstelle: die Stabsstelle Mieterschutz. Kai Schönbach und Katharina Stier beraten jedermann und kostenlos - das Modell ist laut Stadt Frankfurt deutschlandweit einmalig. Eine "mietrechtliche Beratungsstelle" gibt es in Hessens größter Kommune schon seit den 1970er Jahren. Sie kümmert sich vor allem um Einzelfälle, etwa bei Nebenkostenabrechnung oder Kündigung. Die Stabsstelle kommt ins Spiel, wenn ganze Hausgemeinschaften betroffen sind.

Mieter können Hilfe bei der Stadt Frankfurt suchen

Schönbach schildert einen typischen Fall: Ein Haus wird verkauft, der neue Eigentümer modernisiert und will neue Mietverträge abschließen. Wenn sich ein einzelner Mieter an die Stabsstelle wendet, versuchen Stier und Schönbach, zuerst weitere Mieter mit ins Boot zu holen. Gemeinsam habe man eine bessere Verhandlungsposition "und der eine, der sich wehrt, hat nicht das Gefühl er steht allein auf der Roten Liste der bedrohten Arten", sagt Schönbach.

Los gehe es meist "mit kleinen Nadelstichen", zum Beispiel Parkverbot im Hof. Am Ende stünden Maßnahmen, "die fast schon Nötigung sind". Angesichts des akuten Mangels an günstigen Wohnungen in Frankfurt "ist die Grundhaltung der Mieter Angst", sagt Schönbach. "Das haben die Investoren verstanden. Vor diesem Hintergrund bauen sie Druck auf." Zum Beispiel mit seitenlangen Schreiben voller Fachgebriffe und Aktenzeichen. Rechtlich sei das oft nicht haltbar, sagt der Jurist. Aber es erfüllte seinen Zweck: Der überforderte Mieter knickt ein.

Mieten in Frankfurt: Hier kann die Stabsstelle helfen

Die Stabsstelle wolle helfen, "diese Asymmetrie aufzulösen", sagt Stier: "Das läuft ja nicht auf Augenhöhe." Das Tandem will die Menschen ermutigen, sich zu wehren. Aus Angst um ihre Wohnung ließen sich die Menschen "viel zu lange viel zu viel gefallen". Dabei sei die Vorstellung, "ich hab eh keine Chance", meist falsch: Wer sich keinen Anwalt leisten könne, bekomme Prozesskostenhilfe, wer Juristendeutsch nicht verstehe, könne sich kostenlos beraten lassen.

Kai Schönbach und Katharina Stier von der Stabsstelle Mieterschutz, einer neuen Anlaufstelle für Mieterprobleme, stehen vor dem Eingang zum Amt für Wohnungswesen.

In einigen Punkten sind der Stabsstelle aber die Hände gebunden. Zum Beispiel, wenn Bürger leerstehende Wohnungen melden und Spekulation vermuten. Die Stadt hat keine rechtliche Handhabe, dagegen vorzugehen, es fehlt eine entsprechende Verordnung vom Land. In einem anderen Punkt sind Hessen gut dran: Anders als zum Beispiel in Rheinland-Pfalz kann die Verwaltung eingreifen, wenn eine Wohnung in einem menschenunwürdigen Zustand ist. "Das geht schneller als vor Gericht zu ziehen und das Beste: Es kostet nichts", sagt Schönbach.

Mieterschutzverein Frankfurt sieht Stabsstelle nicht als Konkurrenz

Der Mieterschutzverein Frankfurt sieht das Angebot der Stabsstelle nicht als Konkurrenz, sondern als "sinnvolle Ergänzung zu unserem Angebot", wie Geschäftsführer Rolf Janßen sagt. Bei Verdacht auf Spekulation oder Verdrängung könne die Stadt noch effektiver vorgehen, weil verschiedene Stellen parallel eingreifen könnten. "Wir halten das für eine sehr sinnvolle Sache", sagt Janßen.

Für die Hausverwaltung, die das "Brentano-Haus" betreut, sind die Vorwürfe "nicht oder schon seit längerem nicht mehr gerechtfertigt". Nach anfänglichen Kommunikationsdefiziten gebe es alle zwei Wochen eine Mietersprechstunde, bei den Mieterhöhungen halte man sich an die geltenden Gesetze, Ansprüche auf Mietminderung habe man durch Entschädigungen abgegolten.

Mietchaos in Frankfurt: Das sagt die Hausverwaltung

Die Vorwürfe würden auch nur "von einer kleinen Minderheit" erhoben, schreibt die Hausverwaltung. Die "überwältigenden Mehrheit" der Mieter habe Verständnis für die Arbeiten - sie wüssten, "dass sich der Wohnwert im Brentanohaus erhöhen wird". Im Haus aber rumort es weiter. Die Mieter gehen davon aus, dass bald auch die Fassade saniert werden soll. Da das Haus aus den 1970er Jahren stammt, fürchten sie, dass sie mit Asbest belastet sein könnte. (dpa)

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