Krisengipfel

Alarm in Alt-Sachsenhausen: Wirte protestieren in offenem Brief gegen frühere Sperrstunde

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Ponyhof-Betreiber Thomas Winterscheid schlägt Alarm: Eine frühe Sperrstunde in Frankfurt-Alt-Sachsenhausen wäre „sein Tod“.

Eine frühe Sperrstunde in Alt-Sachsenhausen könnte für viele Bars und Clubs drastische Konsequenzen haben. Die Betreiber schreiben einen offenen Brief an die Stadt Frankfurt.

  • In Frankfurt Alt-Sachsenhausen schlagen Clubbetreiber Alarm: Sie befürchten eine frühe Sperrstunde auch nach Ende der Corona-Einschränkungen.
  • Der Betreiber des Frankfurter Clubs „Ponyhof“ hatte einen „Kriegsrat“ einberufen.
  • Das Ergebnis: ein offener Brief an das Stadtparlament in Frankfurt und Stadtrat Markus Frank.

Update vom Dienstag, 27.10.2020, 15.15 Uhr: Alarm in Alt-Sachsenhausen: Die Betreiber von Clubs und Bars in dem Vergnügungsviertel in Frankfurt befürchten, dass die Politik sie unter dem Deckmantel der Corona-Pandemie mit einer frühen Sperrstunde in den Ruin treiben will. Nun haben sich die Clubbesitzer mit einem offenen Brief an das Stadtparlament in Frankfurt und Stadtrat Markus Frank gewendet.

Darin protestieren die Clubs des Vergnügungsviertels in Frankfurt-Sachsenhausen gegen die Pläne einer Vorverlegung der allgemeinen Sperrstunde von 5 auf 3 Uhr. Auslöser für die Diskussion war ein Vorfall im September, bei dem rund 50 Personen Polizeibeamte in Alt-Sachsenhausen mit Steinen und Flaschen angegriffen hatten. Die Clubbesitzer betonen, dass es sich nicht um einen Protest gegen die vorübergehende Sperrstunde um 23 Uhr handelt, die die Stadt aufgrund der Corona-Pandemie beschlossen hat. Es gehe um die allgemeine Sperrstunde, die in dem Viertel auch nach Ende der Pandemie gelten soll. Der offene Brief soll die Fraktionen im Frankfurter Stadtparlament zu einer Stellungnahme bewegen.

Offener Brief an Stadt Frankfurt: Frühe Sperrstunde wäre Ende für Alt-Sachsenhausen

Die Betreiber der Clubs und Bars in Alt-Sachsenhausen erklären in dem Brief, dass sie die Vorverlegung der Sperrstunde nicht für eine angemessene Lösung für das Problem halten. Die Betrunkenen und Feierwütigen alle gleichzeitig auf die Straße zu setzen wäre für das Gewalt-Problem in Alt-Sachsenhausen sogar eher kontraproduktiv. Es handle sich bei der Maßnahme um „restriktiven Aktionismus“. Die Clubbesitzer fühlten sich in Sippenhaft genommen und als „Sündenbock für Fehler [herangezogen], die an anderer Stelle gemacht werden“.

Erstmeldung vom Dienstag, 13.10.2020, 16.03 Uhr: Frankfurt - Thomas Winterscheid ist in Alarmstimmung. Der Betreiber des Frankfurter Clubs Ponyhof, der neben dem üblichen Feierbetrieb Konzerte aufstrebender und alternativer Bands ausrichtet, fürchtet eine Vorverlegung der allgemeinen Sperrstunde. Nicht erst seit den Ausschreitungen Ende September 2020, als Betrunkene Polizisten verfolgt und mit Flaschen und Steinen beworfen hatten, diskutiert die Politik im Römer über eine allgemeine frühe Sperrstunde für das überregional bekannte Frankfurter Amüsierviertel.

Ponyhof-Betreiber fürchtet frühe Sperrstunde in Frankfurt Alt-Sachsenhausen

Gastronom Winterscheid fühlt sich in Sippenhaft genommen. Sein Club, gegründet 2009, leidet bereits unter den Auswirkungen der Corona-Pandemie, ist seit März geschlossen. Damit könne er angesichts der Umstände noch leben, auch wenn ihn die fehlenden Einnahmen naturgemäß extrem treffen. Käme im Anschluss an die Krise jedoch eine frühere allgemeine Sperrstunde, dann wäre es „das Todesurteil“ für den Ponyhof - und für viele andere traditionsreiche Betriebe entlang der kopfsteingepflasterten Gassen im bekanntesten Partyviertel in Frankfurt.

Schon jetzt sei es Wettbewerbsverzerrung, dass die bereits bestehende Sperrstunde nur in Alt-Sachsenhausen generell gelte. Um 5 Uhr ist in Alt-Sachsenhausen Zapfenstreich, wohingegen sich Betriebe in anderen Stadtteilen in Frankfurt von der Sperrstunde befreien lassen können und von daher einen strukturellen Standortvorteil genießen. Damit könne Winterscheid noch leben, sagt er, schließlich war ihm das von Anfang an bewusst. Käme die allgemeine Sperrstunde allerdings bereits um 3 Uhr oder - wie aus Kreisen der Stadtpolitik im Römer zu hören - bereits um 1 Uhr, dann würde ein Großteil der Clubbetreiber vor dem Bankrott stehen, so der Ponyhof-Betreiber.

Sperrstunde: Gastronomen aus Frankfurt Alt-Sachsenhausen kommen zum „Kriegsrat“ zusammen

Deswegen kommt es am Dienstag (13.10.2020) zum „Kriegsrat“ der Gastronomen in der Klappergasse, berichtet Winterscheid. Neben ihm nehmen die Betreiber des Oberbayern und der Klapper 33 teil und wollen gemeinsam die nächsten Schritte besprechen. Ponyhof-Chef Winterscheid geht davon aus, dass sich zeitnah weitere Gastro-Betreiber aus Frankfurt Alt-Sachsenhausen anschließen werden. Sein dramatischer Hilferuf: „Ich kann meinen Laden nicht um 23 Uhr auf- und um 2 Uhr wieder zumachen. Das wäre das Ende.“

Winterscheid verweist darauf, dass kaum jemand pünktlich um 23 Uhr in Frankfurt Alt-Sachsenhausen stünde, um ein paar Stündchen zu feiern und direkt wieder ins Bett zu gehen. Das sei illusorisch. Vielmehr würden feierwütige Frankfurter sich in diesem Fall direkt in andere Stadtviertel auf den Weg machen, der Feierbetrieb in Alt-Sachsenhausen könnte aussterben, befürchtet der Gastronom: „Dann gehe ich doch gleich in einen Club woanders, der bis 7 Uhr geöffnet hat.“

Eine frühe Sperrstunde in Alt-Sachsenhausen könnte Probleme auf ganz Frankfurt verlagern

Dass es in Alt-Sachsenhausen immer wieder zu gewalttätigen Begegnungen kleiner hoch alkoholisierter Grüppchen mit der Polizei* komme, das wolle Winterscheid gar nicht bestreiten. Aber er frage sich, welchen Sinn es hätte, die gesamte feiernde und trinkende Gemeinde im Vergnügungsviertel gleichzeitig auf die Straße zu schicken - Ausschreitungen wären so erst recht vorprogrammiert. Vielmehr fordert der Ponyhof-Betreiber eine generelle Abschaffung von Sperrstunden. Diese gäbe es in Weltstädten wie New York und Barcelona auch nicht, dort würden sich die Leute vielmehr nach und nach und somit in der Menge verstreut auf den Weg nach Hause machen.

Stünden hingegen alle gleichzeitig auf der Straße, gäbe es für die Feiernden die Möglichkeit, betrunken in einen anderen Stadtteil weiterzuziehen oder gleich auf den Straßen vor den Clubs weiter zu feiern - keine schönen Vorstellungen, bedenkt man die immer wieder gewalttätigen Ausschreitungen am Opernplatz in Frankfurt. Winterscheid befürchtet, dass die Randale Frankfurt nicht verlassen würde, würde Alt-Sachsenhausen früher abgeriegelt. Vielmehr würden sich alkoholschwangere Auseinandersetzungen „in die ganze Stadt verlagern“, was der Polizei einen Bärendienst leisten würde. Schließlich würde das Problem mit der frühen Sperrstunde nicht beseitigt, sondern lediglich auf eine bestimmte Uhrzeit konzentriert - wenn überhaupt.

Befürchtung: Die frühe Sperrstunde für Frankfurt Alt-Sachsenhausen kommt durch die Hintertür

Winterscheid wolle der Politik nichts unterstellen, sagt der Ponyhof-Betreiber. Aber es wirke so, als ob die Aufregung um die derzeit bestehende Corona-Sperrstunde genutzt werden solle, um die allgemeine frühe Sperrstunde in Alt-Sachsenhausen unter dem Radar der Öffentlichkeit klammheimlich durchzusetzen: „Die denken sich: Im Zuge der Corona-Pandemie bekommt das eh niemand mit.“

Versuche, Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Grüne) zu einem Kommentar zu befragen waren bisher nicht erfolgreich. (Von Mirko Schmid) *fnp.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerkes.

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