Frankfurter Ausstellung

Wo sind die Architektinnen hin?

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Mit Leidenschaft in die Arbeit gekniet: Mitarbeiterinnen des Mannheimer Büros Ingeborg Kuhler (1986)

Frankfurt -  Einhundert Mal hat das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt männliche Architekten vorgestellt. Nur vier weiblichen Kolleginnen wurden Einzelausstellungen gewidmet. Diesen Missstand will das Haus mit der Schau „Frau Architekt“ beheben. Von Lisa Berins

Darin werden Arbeit und Leben von 22 deutschen Architektinnen präsentiert. Der Anblick war so ungewöhnlich wie der einer Auto fahrenden Frau in Saudi-Arabien: eine Architektin, die Visionen hat, plant, baut. Vor etwa hundert Jahren muss das eine Revolution gewesen sein – einige Frauen fingen an, in die Männerdomäne einzudringen. Noch heute ist der Beruf ein hauptsächlich männlicher. Zwar seien Architekturstudierende mittlerweile etwa zur Hälfte weiblich, und der Anteil der Architekturprofessorinnen wachse, so Museumsdirektor Peter Cachola Schmal. Doch nur ein kleiner Teil der Absolventinnen finde den Weg in den Beruf. Die allerwenigsten gründeten ein eigenes Büro. Wo also sind die Architektinnen geblieben? Was hält sie davon ab, ihre Profession auszuleben? Und weshalb bleiben sie in der Geschichte dann, wenn sie es doch tun, unsichtbar?

Mögliche Antworten gibt die Ausstellung „Frau Architekt“, die in einem großangelegten Forschungsprojekt in Zusammenarbeit mit wissenschaftlichen Instituten und Universitäten entstanden ist. „Eine Architektin braucht nicht nur Fleiß und Talent, um erfolgreich zu sein“, sagt Mary Pepchinski, eine der Kuratorinnen der ambitionierten, von der Bundeskulturstiftung geförderten Schau. Weitere Voraussetzungen seien Ehrgeiz, starker Wille, wenige Kinder, Unterstützung und vor allem: Chancen.

Auffällig ist beim Durchlaufen, dass es die vor allem im Sozialismus und Nationalsozialismus gegeben zu haben scheint – was wohl nicht als Wertschätzung der Frau, sondern als Reaktion auf einen Mangel an Manpower zu sehen ist. Die unstudierte Architektin Gerdy Troost ist auf einem Magazin mit Adolf Hitler zu sehen. Nachdem ihr Mann, erfolgreicher Architekt, gestorben war, übernahm sie dessen Aufträge für den Diktator. Die 1905 in Lodz geborene Karola Bloch machte sich in der DDR als Planerin eines Systems von Typengrundrissen für Kindereinrichtungen einen Namen. Wie die DDR-Stadtarchitektin Iris Dullin-Grund, die mit ihrem Bebauungsplan für Neubrandenburg berühmt wurde, waren sie die „Postergirls“ der ostdeutschen Architekturszene, wie Kuratorin Pepchinski sagt, und durch Magazingeschichten über die DDR-Grenze hinaus bekannt. Am 18. Oktober kommen Dullin-Grund und Gertrud Schille, ehemalige Projektleiterin bei Carl Zeiss Jena, zum Gespräch ins Museum.

In Weimarer Republik und Bundesrepblik herrschte hingegen das Bild vom Heimchen am Herd als gesellschaftliche Norm. Margarete Schütte-Lihotzky sah sich nicht in dieser Rolle: Sie hatte als erste Frau an der Kunstgewerbeschule in Wien studiert und war 1926 von Ernst May ins „Neue Frankfurt“ geholt worden. Dort entwarf sie entgegen ihrer Neigung Küchen – ihre „Frankfurter Küche“ gilt heute als Mutter aller Einbauküchen.

Architekturtrend: Energetisches Sanieren

Gegen eine von Männern definierte Konvention lehnte sich auch Verena Dietrich auf. Sie beendete zunächst eine Ausbildung zur Metallografin, kannte sich bestens mit Stahl aus. Die Kuratoren der Ausstellung nennen sie deshalb neckisch „Madame de Stahl“. Auf einem Foto sieht man sie im Jahr 1969 in ihrem Studentenzimmer auf ihrem Bett liegen und ein feministisches Manifest lesen. Sie schaffte es, gegen den Einwand des Vaters eine beachtete Architektin zu werden, die unter anderem in den 1990ern eine stählerne Fußgängerbrücke am Kölner Mediapark entwarf.

Am Ende der Ausstellung bleibt eine Frage offen: Bauen Frauen anders? „Nein, sagen die einen. Die anderen sagen ja“, antwortet Pepchinski. Und eigentlich ist die Frage so überflüssig wie die, ob Frauen Auto fahren können.

„Frau Architekt“ im DAM bis 8. März 2018. Geöffnet Dienstag, Donnerstag bis Sonntag 11 bis 18, Mittwoch 11 bis 20 Uhr

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