Kurzzeit-Öffnung des Krönungswegs zeigt:

Die Frankfurter haben eine neue Altstadt

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Einst schritten die deutschen Könige vom Dom durch enge Altstadtstraßen zum Römer. Gestern setzten sich die Frankfurter auf ihre Spur. Für genau einen Tag.

Frankfurt - Rollator knallt an Schienbein, Kameraobjektiv rammt Hinterkopf, breite Schulter presst sich in mageres Schulterblatt, über allem schweben Feldzeichen gleich die Mikrofon-Galgen. Von Michael Eschenauer

„Könnten Sie die Bommel ihrer Mütze aus meinem Auge nehmen? Danke, sehr verbunden.“ Die Kurzzeit-Eröffnung der neuen Frankfurter Altstadt versammelte gestern Tausende Neugierige auf wenigen Quadratmetern. Der Krönungsweg zwischen Frankfurter Dom und Römerberg ist gute 100 Meter lang. Hier schritten seit dem Jahre 1562 die neuen Herrscher des Heiligen Römischen Reiches an ihren Untertanen vorbei zum Krönungsmahl. Das ist lange her. Gestern allerdings produzierte die Frankfurter Stadtgeschichte Szenen, die ein wenig an Huldigungen vergangener Zeiten erinnerten.

Denn Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann, Sozialdemokrat auf den letzten Metern zum Direktwahltermin in zwei Wochen, gab sich die Ehre und führte 30 angemeldete Bürger sowie eine zahlenmäßig nicht limitierte Pressemeute über die erstmals und nur für ein paar Stunden geöffnete Querung durch die neue Frankfurter Altstadt.

„Die Menschen wären enttäuscht gewesen, wenn wir diese Gelegenheit nicht angeboten hätten“, sagte der umdrängte Feldmann, angesprochen auf den Vorwurf, der Termin diene lediglich seiner Inszenierung als Stadtoberhaupt. Eigentlich ist die offizielle Eröffnung des 20 Neubauten und 15 Rekonstruktionen umfassenden Ensembles erst Ende September geplant. Er habe, so Feldmann zu der Tatsache, dass er sich vom einstigen Gegner des Projekts zu einem glühenden Befürworter gehäutet hat, den emotionalen Umschwung bei den Menschen „einfach gespürt“. So etwas könne man nicht ignorieren.

Bratwurstbude, Leierkastenmann, Schneegriesel, Altstadt zum Schnuppern – Tausende, vorwiegend Frankfurter, nutzten den Wochenausklang gestern, um sich von 9 bis 17 Uhr ein Stück vergessener Stadtgeschichte zu holen. Einhellige Meinung: Toll! Es sei das viele Geld wert gewesen. Man gebe ja auch sonst viel mehr für viel größeren Quatsch aus. „Phänomenal, sowohl die Nachbauten als auch die Originale“, sagen Harry Piel, Angelika Dropmann und Hans Böttinger. Auch Ralf Ossadnik aus Berlin stimmt zu. „Viel schöner und preiswerter als Stuttgart 21. Und außerdem pünktlich fertig!“

Die Kosten der Kurzzeit-Öffnung des Krönungsweges liegen immerhin bei 10.000 Euro. Insgesamt eineinhalb Millionen soll die Feier im September kosten. Es erstaunt, dass bei einer nicht repräsentativen Umfrage die allermeisten Besucher den mit Nostalgie gesäumten Tunnel in die gute alte Zeit eben nicht, wie von der parlamentarischen Opposition befürchtet, Oberbürgermeister Feldmann gutschreiben. Auf die Fallgruben-Frage: „Ist es nicht schön, was der Herr Feldmann hier auf die Beine gestellt hat?“, erntet man Gelächter. Die Frankfurter wissen sehr wohl, dass der, der sich hier vor der prachtvollen Fachwerk-Beauty „Goldene Waage“ den Kameras präsentiert, einst das Restaurationsprojekt aus Kostengründen ablehnte. Der Grundstein der neuen Altstadt wurde 2007 gelegt, mit einem Grundsatzbeschluss des Stadtparlaments fünf Jahre vor Feldmanns Wahl zum OB.

Überraschend häufig stößt man auf ältere Frankfurter, die persönliche Erinnerungen an die echte Altstadt auffrischen. So zum Beispiel Wolfgang Stritt. Er guckt sich gerade den Hühnermarkt an. Ein Schmuckstück wird der werden, aber jetzt steht ein Drahtgitter davor. Stritt erinnert sich an seine Nachbarin Ruth Emmerich. „Die hat als Kind hier gewohnt. Ihr Vater hatte eine Bäckerei in den 30er Jahren, genau hier“, sagt er und deutet auf das wiedergeborene „Haus zur Flechte“. Wolfgang und Petra Hannemann sagen das Gleiche mit anderen Worten: „Das ist ein Stück geglückte Heimatsuche.“

Bilder: Neue Altstadt in Frankfurt

Die Frankfurter haben ihren Frieden mit dem umstrittenen Projekt gemacht. Da mag Benedikt Hotze, Sprecher des Bundes deutscher Architekten, die neue Altstadt ruhig als schnödes „Kommerzobjekt“ für die Tourismusförderung und als „Fake“ schmähen, weil sie direkt auf der Betonplatte der Römer-Tiefgarage steht, weshalb hier auch nie ein Baum wachsen wird. Sei’s drum.

Beweis dafür, dass die Frankfurter ‘ne Neue haben, ist das Interesse an der Feldmann-Führung: Binnen weniger Stunden seien 450 Anmeldungsmails eingegangen berichtet Stefan Böhm-Ott, Referent des OB. Der Fuchs Feldmann wäre ein Narr gewesen, hätte er nicht nach den süßen Trauben eines Pre-Opening der Altstadt geschnappt. Und so bleibt das Lächeln des Oberbürgermeisters unerschütterlich, mögen die kalten Winde ihm auch ins Gebein kriechen und seine Worte als Fremdenführer mangels Megafon in einer Wand aus dicken Wintermänteln ungehört versickern.

Was trotzdem durchdringt, geht in etwa so: Die neue Altstadt macht für die Menschen der Gegenwart ihre Geschichte erlebbar. Sie zeigt, dass es die Insignien dieser Stadt wie zum Beispiel die Wolkenkratzer von Commerzbank und Deutscher Bank sowie die gesamte Geschichte als Messestadt nicht geben würde ohne die alten Messehöfe, die eben hier standen und in denen der Handel geboren wurde. Am Hühnermarkt huldigt Feldmann des Schriftstellers und Frankfurter Mundartdichters Friedrich Stoltze als „eines Menschen mit radikal demokratischem Verständnis von Politik und eines der wenigen Helden Frankfurts“. Frankfurt sei keine Helden- sondern eine Händlerstadt. Die Reichen, erzählt Feldmann später, hätten einst die schmutzige und enge Altstadt verlassen. Feldmann volkstümlich: „Heute ist die Miete hier so hoch, dass sich die normalen Bürger – und ich auch – sich hier keine Wohnung leisten können.“ Aber: Die teuren Immobilien hätten das Projekt erst bezahlbar gemacht. 90 Millionen Euro will die Stadt von den ausgegebenen 200 Millionen Euro auf diese Weise wieder hereinbekommen.

Eine, die sich hier eine Wohnung leistet, steht ein paar Meter weiter: Petra Roth, populäre Ex-Oberbürgermeisterin (1995 bis 2012). „Ich werde die Wohnung nutzen, wenn ich das Frankfurter Kulturleben genieße“, sagt Roth, die im fernen Vorort Nieder-Eschbach wohnt. Sie übt sich in Understatement: „Der Wiederaufbau der Altstadt ist ein Geschenk, das sich die Bürger gemacht haben. Die Idee ist im politischen Dialog mit Mehrheitsbeschlüssen entstanden. Mein eigener Anteil ist vorhanden, aber nicht entscheidend.“ Übrigens: Der kleinteilige Bebauungsplan bilde weitgehend die Aufteilung der Häuser des Jahres 1709 nach, doziert Roth, zieht die Blicke auf sich und genießt.

Eine andere Frau wird weniger umlagert, auch wenn sie es eigentlich sein sollte: Bernadette Weyland, die recht glücklos agierende Herausforderin von Feldmann mit CDU-Parteibuch. Ein paar Wahlkampfhelfer in knallorangen Werbejacken hat sie mitgebracht, aber nur einmal richten sich die Blick auf sie – als Feldmann die große Eröffnung des Altstadtquartiers im September ankündigt. „Das wird dann aber die Bernadette machen!“, ruft da einer. Feldmann entgegnet, das werde man ja noch sehen.

Willy Mendel, 74 Jahre alt aus Enkheim, zeigt stumm mit dem Gehstock auf einen eingravierten Spruch im prächtigen Fachwerk. Der endet mit den Worten „...und waren die Neider noch so viel, so geschieht doch, was Gott haben will.“

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