Gegen die Heimeligkeit

Moderne Werke als Kontrapunkte zur historisierenden Altstadt

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„Wo sind die Metalldiebe, wenn man sie braucht?“ Die Plastik von Winter/Hörbelt „Die Große Illusion“ am Frankfurter Kunstverein hat im Internet eine Kontroverse ausgelöst.

Frankfurt - An der feierlichen Eröffnung der neuen Frankfurter Altstadt beteiligt sich auch der Frankfurter Kunstverein - mit einer experimentellen Tanzperformance und einer spektakulären Außenskulptur. Die ist allerdings schon jetzt sehr umstritten. Von Eugen El

„Wo sind die Metalldiebe, wenn man sie braucht?“, lautet der hämische Kommentar eines Facebook-Nutzers zu der Skulptur, die seit Kurzem die Fassade des Frankfurter Kunstvereins ziert. Das vom Duo Wolfgang Winter und Berthold Hörbelt entworfene Werk hat im Internet eine Diskussion ausgelöst. Auch Passanten und Besucher des neuen Altstadtquartiers werfen teils skeptische Blicke auf die reflektierende Stahlblechplastik.

Nähert man sich dem Römerberg über die Gasse Hinter dem Lämmchen, erblickt man zuerst liebliche Fachwerkrekonstruktionen und zeitgenössisch interpretierte Nachbauten. Dann zeichnet sich der Anbau des Kunstvereins aus den 1950ern ab. Es sei das nunmehr älteste Haus auf dem neuen Altstadtareal, betont Direktorin Franziska Nori. Der denkmalgeschützte Anbau ragt mit seinen schlichten Formen, großen Fenstern und einem Flachdach aus der historisierenden Umgebung heraus. Schon fordern einige Facebook-Nutzer seinen Abriss.

Bilder: Neue Altstadt in Frankfurt

Vergangene Woche hievte ein Kran die zwei Tonnen schwere Skulptur von Winter und Hörbelt auf das Dach des Kunstvereins. Formal wirft sie Fragen auf. Im ersten Moment lässt die neun Meter lange Röhre an Teile eines abgestürzten Flugzeugs denken. Aber auch eine gigantische Blechdose kommt dem Betrachter in den Sinn. „Wie ein Tanksilo beim Lastwagen“ wirke die Form, sagt Wolfgang Winter. Der Clou ist ein aufwendig hergestellter Knick, der das Objekt von der Fassade herabhängen lässt. „Wir haben den Knick mit einer Coladose ausprobiert“, so Winter.

Wie wird wohl Jacopo Godanis Performance „Framing Reality“ am Wochenende in der neuen Altstadt bei den Zuschauern ankommen?

Den Herstellungsprozess der Skulptur haben Wolfgang Winter und Berthold Hörbelt persönlich begleitet. Seit 1992 arbeiten die Frankfurter Bildhauer zusammen. 2017 wandelten sie im Offenbacher Hafen einen Kran in ein begehbares Industriedenkmal um. Für ihre neue Außenskulptur stellte sich das Duo die Aufgabe, „zu einem eindeutigen Statement zu kommen“. Die kontroversen Reaktionen scheinen Winter und Hörbelt recht zu geben. Franziska Nori sieht es als einen ironischen Kommentar – „zu der historisierenden, Handwerk betonenden Idee der neuen Altstadt“. Wie die Außenskulptur letztlich zu deuten ist, können Besucher selbst entscheiden. Sie bleibt sechs Monate sichtbar.
An nur zwei Abenden wird hingegen die Tanzperformance „Framing Reality“ zu sehen sein, mit der sich der Kunstverein am Altstadtfest beteiligt. Am Freitag- und Samstagabend werden die zur Altstadt gerichteten Fenster des Kunstvereins zur Bühne für eine eigens entwickelte Choreografie: 17 Tänzer der von Jacopo Godani geleiteten Dresden Frankfurt Dance Company lassen, so die Ankündigung, Tableaux Vivants, lebendige Bilder, entstehen. Fotografien zeigen die körperliche Intensität der Aufführung. Sie könnte einen weiteren Kontrapunkt zur heimeligen Altstadtatmosphäre setzen.

Tanzperformance „Framing Reality“ am Freitag und Samstag jeweils um 19.30 Uhr

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