Kulturpass Rhein-Main

Gut fürs Selbstbewusstsein

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Xenia Hügel kümmert sich im Verein „Kultur für alle“ um Angebote für Kinder, die über verschiedene Kooperationspartner angesprochen werden.

Frankfurt - Armut ist eine Ursache für mangelnde kulturelle Teilhabe. Der vom Verein „Kultur für alle“ aufgelegte „Kulturpass Rhein-Main“ ermöglicht den Besuch von Museen, Theatern, Lesungen und Konzerten zu einem symbolischen Eintrittspreis. Von Detlef Kinsler 

Seit kurzem gibt es einen eigenen Kulturpass für Kinder. Da reist eine junge Frau für einen Kurzurlaub nach Wien, kauft auf dem Weg zu Falcos Grab auf dem Zentralfriedhof als sozial engagierter Mensch eine Obdachlosenzeitung und entdeckt darin einen Artikel, der ihre Aufmerksamkeit erregt: „Hunger auf Kunst und Kultur“ erzählt von einer Aktion, die Bedürftigen Zugang zu Kultureinrichtungen ermöglichen soll. Wieder daheim recherchiert sie im Netz zu dem Thema und entdeckt: In Frankfurt gibt es Vergleichbares. Angeregt von den Österreichern war auch hier 2008 der Verein „Kultur für alle“ entstanden.

Initiator Götz A. Wörner, der einst als erfolgreicher Labelchef für Latin-Jazz lange vor dem Buena Vista Social Club Künstler wie Ruben Blades, Willie Colón und Gonzalo Rubalcaba nach Deutschland holte, 1999 mittellos wurde, musste er erkennen: Menschen, die von der Grundsicherung leben, können sich Konzerte, Kino, Theater und Sport nicht mehr leisten. Diese Teilhabe an Kultur wollte Wörner aber sicherstellen, gründete den Verein und fand viele Veranstalter und Institutionen als Kooperationspartner, die gegen Vorlage des „Kulturpass Rhein-Main“ Zutritt zu stark ermäßigten Eintrittspreisen gewähren. Bis heute wurden 8000 Kulturpässe zum symbolischen Preis von einem Euro pro Jahr ausgegeben. Und jetzt suchte Wörner eine Projektleitung für einen zweiten Kulturpass. Einen eigens für Kinder. Xenia Hügel empfand dies als Wink des Schicksals, bewarb sich, bekam den Job und ließ ihren sicheren Arbeitsplatz bei einem Ticketvermarkter hinter sich.

Herz-über-Kopf-Entscheidung

Es war eine Herz-über-Kopf-Entscheidung. Denn Kultur gehört für die allein erziehende Mutter zur Grundversorgung des Nachwuchses - neben Liebe und Nahrung. Als im September 2014 der „Kultur für alle Kids“-Pass dann vorgestellt wurde, unterstrich auch der als Schirmherr der Aktion gewonnene Oberbürgermeister Peter Feldmann die Notwendigkeit einer solchen Einrichtung. Denn er brachte die neuesten Zahlen aus dem Amt mit, wonach unter den 80.000 Menschen, die in der Stadt an der Armutsgrenze leben, inzwischen 30 000 Kinder sind. Das bestätigte Hügel nur noch einmal in ihrer Entscheidung. Seit November kümmert sich Xenia Hügel um die Kinder und Jugendlichen in der Stadt. Akquise an allen Fronten ist ihre Aufgabe. Anders als bei den Erwachsenen, die auf entsprechende Aufrufe des Vereins reagieren und den Pass an vielen Stellen beantragen können, muss der Nachwuchs über Kooperationspartner wie Arche Frankfurt, Streetworker oder Jugendclubs angesprochen werden. Gerade an den sozialen Brennpunkten soll für das Angebot geworben werden.

Ob im Gallus, der Nordweststadt, auf dem Frankfurter Berg oder in Bonames lernt man zwar von Kindes Beinen an die „Kultur der Straße“ kennen und sich durchzusetzen, aber so richtig Kind sein ist dabei fast unmöglich. „Kinder aus einfachen Verhältnissen können nicht mal klassisches Kasperletheater kennen lernen, weil das eben Eintritt kostet“, bedauert Hügel. Also gilt es für sie auch Sponsoren zu finden und vor allem Veranstalter zu überzeugen, Kartenkontingente gratis zur Verfügung zu stellen. Ob aktuell das „Starke Stücke“-Festival, Berger Kino, Kinderhaus Nied oder Klingspor Museum in Offenbach - die Liste der teilnehmenden Partner wird von Tag zu Tag länger. „Damit die Kinder und Jugendlichen was anderes zu hören und sehen bekommen“, betont Hügel. „Denn Kultur ist wichtig fürs Selbstbewusstsein.“

„Kultur für alle Kids“

Mit der Sängerin Franca Morgano hat „Kultur für alle Kids“ eine Botschafterin gewonnen. Und ein Maskottchen gibt es zudem für die Aktion. Der Hase Cäsar. Die Handpuppe („Biddeschööööön!“) erfreute sich schon Mitte der Sechzigerjahre größter Beliebtheit. Auf dem Kinderkanal KIKA präsentierte er noch 2004 Kinderprogramm-Klassiker. Was seine Wirkung auf junge Zuschauer betrifft, so hat die über die Jahrzehnte nichts von ihrem Reiz verloren. „Kinder wollen nach wie vor gern so sein wie Cäsar“, weiß Hügel. „Frech, vorlaut und mutig.“ Solange die Moral stimmt.

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