Gefährdetes Kulturgut

Pachterhöhung für Wasserhäuschen wächst sich zum Politikum aus

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Pächterin Elif Kalkan fürchtet angesichts der erhöhten Gebühren um die Zukunft ihres Büdchens in Sachsenhausen.

Frankfurt - Gut zwei Monate vor der Landtagswahl beteuern Frankfurter Politiker ihr Herz für Wasserhäuschen. Seit mehrere Pächter wegen drohender Pachterhöhungen Existenzängste haben, sind die Kioske zum Politikum geworden. Von Eva Krafczyk und Juliane Görsch

Für Elif Kalkan ist es ein betriebsamer Freitagnachmittag. Ein paar Schülerinnen decken sich am Verkaufstresen ihres Wasserhäuschens im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen mit Süßigkeiten ein. Stammgäste sitzen mit der Bierflasche in der Hand auf den Bänken. Und jetzt kommt auch noch der Oberbürgermeister vorbei. Mit Anzug und Krawatte noch Rathaus-fein, sticht Peter Feldmann (SPD) unter den Kunden im Freizeitlook ziemlich heraus. Doch er will Kalkan, seit viereinhalb Jahren Pächterin des Büdchens, seine Unterstützung im Kampf um den Erhalt der Frankfurter Wasserhäuschen versichern. „Ich habe als Kind am Wasserhäuschen Kaugummi gekauft und ich will, dass das auch noch die Kinder meiner Tochter einmal können“, sagt der Römer-Chef. Die Büdchen stehen für ihn für „das beste“ in Frankfurt: „Hier sitzt man zusammen, tauscht sich aus - das ist etwas, was man sich gar nicht wegdenken kann.“

Kalkan allerdings fürchtet um die Zukunft ihres Wasserhäuschens. „Ich liebe diese Arbeit und möchte bleiben.“ Die nun anstehende Pachterhöhung könne das aber gefährden, wenn sie dann plötzlich statt bisher 560 plötzlich 750 Euro Pacht monatlich zahlen soll. Derzeit hat sie zwar reichlich zu tun. „Aber im Winter ist es schwierig, da setzen sich die Leute nicht hin oder bleiben stehen“, sagt sie. Hubert Gloss, der Besuchertouren zu den Frankfurter Wasserhäuschen organisiert, rückt seine Seemannsmütze zurecht. „Die Wasserhäuschen müssen erhalten werden – dafür kämpfen wir“, versichert er. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts gehörten die Wasserhäuschen, in denen ursprünglich Mineralwasser verkauft wurde, zum Frankfurter Stadtbild.

Insgesamt elf Wasserhäuschen seien von den Pachterhöhungen der Brauereigruppe Radeberger betroffen, sagt Feldmann. Die Grundstücke, auf denen die Büdchen stehen, gehören der Stadt. Die Verwaltung habe die Pacht nach sehr vielen Jahren erstmals wieder überprüft und rückwirkend angepasst, teilte das Unternehmen mit. Die Brauerei habe die Erhöhung „ohne jegliche Aufschläge“ an die Kioskbesitzer weitergegeben. Da „hätte man wohl aufpassen müssen“, räumt Feldmann ein. Die Büdchen wurden schnell zur bedrohten Art erklärt, Kunden solidarisierten sich, sammelten Unterschriften.

Von deftig bis süß: Kochen mit Bier

„Mir ist die Bedeutung der Wasserhäuschen als Kulturgut selbstverständlich bewusst“, beeilte sich auch Baudezernent Jan Schneider (CDU) zu erklären. Schon in der kommenden Woche soll es Gespräche mit Vertretern der Radeberger-Gruppe geben. „Wenn wir jetzt nach einer längeren Zeit ohne Pachterhöhungen erstmals wieder die Preise anheben, darf dass natürlich nicht dazu führen, dass Pachten verlangt werden, die nicht zu erwirtschaften sind“, betonte Schneider. Also alles nur ein Sturm im Wasserglas, an dessen Ende tragfähige Lösungen und der Erhalt der Wasserhäuschen stehen? Davon ist Naim Yildirim, der seit sieben Jahren Pächter eines Wasserhäuschens ist, nicht ganz überzeugt. „Die Politiker reden, dass Wasserhäuschen ein Kulturgut sind, aber im Alltag erleben wir Probleme, wenn die Tische mal fünf Zentimeter in den Bürgersteig stehen oder die Markise zehn Zentimeter zu breit ist.“ (dpa)

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