Delphine de Vigan hat einen raffinierten Psychothriller geschrieben

Buchmesse: Gefährliches Spiel mit der Wahrheit

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Am Ende weiß keiner, was wahr ist: Die französische Schriftstellerin Delphine de Vigan sprach mit uns auf der Frankfurter Buchmesse.

Frankfurt - Am Rande der Wahrheit findet Delphine de Vigan ihre Geschichten. Realität und Fake, Autobiografie und Fiktion – in ihrem Roman „Nach einer wahren Geschichte“ ist alles miteinander verstrickt: Die Bestseller-Autorin Delphine leidet unter einer Schreibblockade und fühlt sich von den Fans unter Druck gesetzt. Dann lernt sie die charismatische, aber manipulative Ghostwriterin L. kennen, die sich immer mehr in ihr Leben einmischt. Von Lisa Berins

Gerade hat der umstrittene Regisseur Roman Polanski die Geschichte verfilmt – Premiere ist Anfang November. Wir haben die Autorin auf der Buchmesse getroffen und mit ihr über ein speziell französisches Genre, die „Exofiktion“ und das Verlangen nach Wahrheit gesprochen. Dass das Buch einmal Auswirkungen auf ihr reales Leben haben würde, hat die Pariser Schriftstellerin nicht geahnt.

Frau de Vigan, auch Sie haben, wie ihre Delphine im Buch, einen Roman über ihre bipolare Mutter geschrieben. Und auch Sie waren schockiert über die Reaktionen der Leser. Was ist passiert?

Ich war sehr überrascht, dass so viele Leser wissen wollten, ob ich in dem Roman die Wahrheit geschrieben habe. Bei Lesungen kamen immer dieselben Fragen: „Ist das wirklich wahr? Ist das so passiert? Ist Ihre Mutter wirklich so, wie Sie sie beschreiben?“ Einige Leser haben sich dann daran gemacht herausfinden, wer die realen Personen hinter den Romancharakteren sind.

Wurden Sie gestalkt?

Nein, das nicht. Aber einige Leser haben bei ihren Nachforschungen zum Beispiel im Internet ein Bild von meiner Mutter aus der Schulzeit gefunden. Das hat mich sehr verstört. Denn die Personen, die aufgespürt wurden, sind ja eben nicht die Charaktere aus dem Buch, sondern reale Personen: meine Mutter, meine Geschwister, meine Großeltern, ich als Kind. Im Nachhinein denke ich, dass ich mehr Details oder Namen hätte ändern müssen. Aber ich habe damals nicht damit gerechnet, dass die Leser so neugierig sein würden. Ich hätte ihnen nicht den Schlüssel in die Hand geben sollen.

Dieses Verlangen nach Wahrheit und Authentizität in der Literatur – woher kommt das?

In Frankreich ist es seit Jahren ein großes Thema. Die Nachfrage nach wahren Geschichten, Autobiografien und Autofiktion ist sehr hoch. Wir nennen dieses Genre „Exofiktion“. Viele Autoren nutzen zum Beispiel Berichte aus Zeitungen, um daraus einen Roman zu entwickeln. Diese Tendenz war für mich der Anlass, „Nach einer wahren Geschichte“ zu schreiben. Ich wollte der Frage nach dem Verweben von Wahrheit und Fiktion nachgehen. 

Die Grenzen zwischen Ihrer eigenen Biografie, Realität und Fiktion verwischen dabei ...

Ja. Es ist eine Fake-Autobiografie und ein Spiel mit dem Leser: Ich überschreite die Regeln des Erzählens, ich fälsche – und am Ende weiß keiner mehr, was wahr ist und was nicht.

Sie mögen Steven King. Was kann man von ihm lernen?

Ich habe viele seiner Bücher gelesen. Ich könnte aber nicht sagen, dass ich dies oder jenes von ihm gelernt hätte. Also, ich versuche nicht herauszufinden, wie er es handwerklich macht, Spannung zu erzeugen. Das wäre zu dogmatisch und zu rational, da würde etwas Wichtiges verlorengehen. Es geht eher um dieses Gefühl beim Lesen. Dass man sich als Leser darauf einlässt, vom Roman gefesselt zu werden.

„Nach einer wahren Geschichte“ wurden gerade von Roman Polanski verfilmt. In Cannes war die erste Version des Films zu sehen. Haben Sie Einfluss auf seine Arbeit genommen?

Nein, das möchte ich auch gar nicht. Wenn eines meiner Bücher verfilmt wird, frage ich nie danach, mich einbringen zu können. Außerdem fand ich ohnehin, dass der Roman eigentlich gar nicht verfilmt werden kann ...

OP unterwegs auf der Frankfurter Buchmesse 2017

Weshalb?

Weil er zu viele Facetten hat. Es ist ein Buch über das Schreiben, die wichtigste Frage ist: Wer ist es, der in dir schreibt? Oder auch: Wer bist du, wenn du schreibst und wer schreibt durch dich hindurch? Es gibt viele Ebenen, auf denen man das Buch lesen kann. Polanski hat sich dazu entschieden, sich nur auf den Thriller zu konzentrieren.

Er ist eine sehr umstrittene Person, ihm werden Vergewaltigungen vorgeworfen. Ist es nicht eigenartig, einen solchen Mann ans Werk zu lassen?

Nein. Für mich ist er ein großartiger Regisseur. Und ob er die Frauen, die ihn beschuldigen, tatsächlich vergewaltigt hat oder nicht, das weiß ich nicht, das kann ich auch nicht beurteilen. Das muss ein Gericht machen.

In diesem Jahr haben Angela Merkel und Emmanuel Macron die Buchmesse eröffnet, insgesamt ist es eine ziemlich politische Messe. Würde Sie sagen, Sie sind eine politische Schriftstellerin?

Nein. Natürlich habe ich meine Meinung, aber ich habe nicht das Bedürfnis, mich über politische Fragen zu äußern. Ich fühle mich dazu nicht verpflichtet. Meine Arbeit ist es, Geschichten, Romane schreiben.

Sie konzentrieren sich lieber auf die Innenwelt Ihrer Protagonisten?

Nicht nur. Ich habe zum Beispiel auch ein Buch über heutige Arbeitsbedingungen geschrieben. „Ich hatte vergessen, dass ich verwundbar bin“ spielt in einer großen Firma und zeigt, wie einen die Arbeit zerstören kann. Das ist meine Art, mich über Gesellschaft zu äußern. Und ich hoffe, dass ein solches Buch stärker ist als jede Rede zum Thema.

Eine Ihrer erzählerischen Stärken liegt darin, in die Gedankenwelt Ihrer Helden einzutauchen. Zum Beispiel in die der magersüchtige Protagonistin ihres Romans „Tage ohne Hunger“, das gerade auf Deutsch erschienen ist. Gibt es eine bestimmte Weise, wie Sie an eine solche intime Geschichte herangehen?

Es war mein allererstes Buch, und es ist schon lange her, dass ich es geschrieben habe. Ich lasse mich natürlich von realen Begebenheiten inspirieren, aber meine Absicht ist es, eine gute Geschichte zu schreiben. Und dafür gibt es für mich sehr präzise formale Regeln. Auch, wenn es sehr intim und emotional ist, wie ich das Subjekt beschreibe – vor allem ist es für mich aber ein literarisches Projekt.

Noch einmal zurück zu Ihrer Fake-Autobiografie. Kennen Sie denn eine Person wie die mysteriöse L. in Ihrem realen Leben?

Natürlich. Es gibt viele Leute wie L. Wir alle kennen eine solche Person – und wir selbst könnten auch eine L. sein. Ein Teil von uns ist manipulierbar und ein anderer manipuliert. Ich habe tatsächlich einige von diesen Menschen getroffen, aber das bedeutet nicht, dass ich mich wie Delphine im Roman beeinflussen lasse...  

Delphine de Vigan: „Nach einer wahren Geschichte“, Dumont, 350 Seiten, gebunden, 23 Euro, auch als Taschenbuch erhältlich

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