Ziel: Dauerhaft bezahlbarer Wohnraum

In Frankfurt haben sich 42 Menschen zum Wohnprojekt NiKa zusammengeschlossen

+

Frankfurt - Steigende Mieten sind in Frankfurt nichts Neues, für die Mitglieder des gemeinschaftlichen Wohnprojekts NiKa jedoch Grund zu handeln. Sie haben im Bahnhofsviertel eine städtische Liegenschaft gekauft, um dauerhaft bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Von Anna Scholze

Noch sind die Wände der Niddastraße 57 im Bahnhofsviertel allein vom dunkelgrauen Mörtel umgeben, und Handwerker schneiden eine Rigipsplatte zu. Doch im März sollen die Bauarbeiten im Haus des gemeinschaftlichen Wohnprojekts NiKa – das steht für „Nidda- und Karlstraße“ – abgeschlossen sein. Dann werden insgesamt 42 Bewohner in das ehemalige Pelzhändlerhaus einziehen.

Daniel Keil ist eines von 42 Mitgliedern von NiKa.

Für sie ist der Kauf des Gebäudes keine reine Investition, sondern ein politisches Bekenntnis. Denn sie entnehmen das Gebäude dem Mietmarkt und schaffen so bezahlbaren Wohnraum – zunächst für sich selbst. Sie peilten an, für den Quadratmeter neun Euro Miete zu zahlen, sagt Daniel Keil, Pressesprecher des Projektes. Zum Vergleich: In Frankfurt zahlen Mieter laut offiziellem Mietspiegel bis zu 17,37 Euro pro Quadratmeter. Der niedrige Preis des NiKa-Projekts wird möglich, da sich die Gruppe zu einem Hausverein zusammengeschlossen und mit der deutschlandweiten Beteiligungsgesellschaft Mietshäuser Syndikat eine GmbH gegründet hat. Unter den Gesellschaftern herrscht Stimmengleichheit; ein Verkauf des Gebäudes kann nur zusammen beschlossen werden.

Mit Krediten von Banken und privaten Geldgebern konnte NiKa das Haus an der Niddastraße 57 kaufen und den Umbau stemmen. Die Wohngemeinschaft (WG) muss durch ihre spezielle Rechtsform keinen Profit machen. Außerdem kann sie sich darauf verlassen, dass kein fremder Hauseigentümer die Mieten erhöht. Der Weg in die Selbstständigkeit war für NiKa jedoch mit Rückschlägen verbunden.

Lesen Sie dazu auch:

Wohnprojekt im Bahnhofsviertel...

Gemeinschaftliche Wohnprojekte in Frankfurt...

Ein Teil der Mitglieder versuchte bereits 2012 das ehemalige Universitätsgebäude Philosophicum zu kaufen. „Die Stadt hat die Liegenschaft jedoch lieber an einen Investor vergeben“, sagt Keil. „Danach waren wir in Offenbach, aber auch dort konnten wir nicht auf dem freien Markt konkurrieren.“ Beworben hatte sich die Gruppe auf das ehemalige IHK-Gebäude der Lederstadt. Erst mit der Ausschreibung der Liegenschaft im Frankfurter Bahnhofsviertel durch die Stadt fand die Wohngemeinschaft ein Zuhause. Denn bei der Bewerbung auf das Gebäude zählte nicht das höchste Gebot, sondern das beste Konzept. Und ein solches hatte NiKa zu bieten.

„Die Wohngemeinschaften haben sich in einem langjährigen Prozess zusammengefunden“, sagt Keil. Dabei habe die Frage im Fokus gestanden, wie die Gruppe den Bedürfnissen ihrer Mitglieder gerecht werden kann. Denn sie kommen aus den verschiedensten Lebenssituationen. „Unser jüngstes Mitglied ist wenige Monate alt und das älteste ist Mitte 60“, so Keil. Unter ihnen sind Handwerker, Akademiker, Künstler, Familien und Alleinerziehende. Doch nicht allein die unterschiedlichen Lebensmodelle mussten in Einklang gebracht werden, auch waren, laut Keil, Fragen wie das Verhältnis von Rauchern und Nichtrauchern für die WG-Findung wichtig.

Rücksicht auf die Wünsche der Bewohner hat auch Architekt Nik Angerer von Meides & Schoop Architekten genommen. In Workshops hat er gemeinsam mit ihnen an der Planung für den Umbau des Gebäudes gearbeitet. Die Gruppe hat sich etwa entschieden, jedes der sechs Wohn-Stockwerke in eine Siebener- oder in eine Dreier- und eine Vierer-Wohngemeinschaft aufzuteilen.

Dabei soll das Leben nicht allein in den jeweiligen Wohnungen oder gar dem eigenen Zimmer, sondern in der Gemeinschaft stattfinden. „Deshalb haben wir die Gemeinschaftsflächen etwas größer gestaltet als die Privaträume“, sagt Keil. Zu den WG-Räumen zählen jedoch nicht allein Küche und Wohnzimmer, sondern auch das Dachgeschoss und die Terrasse mit Blick über die Skyline. Wie das Zusammenleben aussehen soll, wird sich, laut Keil, nach und nach finden. Denkbar sei, dass unterm Dach regelmäßige Treffen stattfänden. „Die Terrasse wird im Sommer sicherlich zum WG-Treffpunkt werden“, so der Pressesprecher.

Während sich das Konzept für die Gemeinschaftsräume noch in der Findungsphase bewegt, sind sich die Bewohner einig, dass sie solidarisch miteinander leben wollen. Einer der zukünftigen Mieter, Jeronimo Voss, sagt: „Mit meinen Nachbarn und Mitbewohnern lässt sich der Alltag viel kollektiver gestalten.“ Die Bewohner des Projektes könnten sich etwa bei der Kinderbetreuung, den Einkäufen und verschiedenen Anschaffungen unterstützen.

Laut Keil ist außerdem angedacht, die Mieten an die Gehälter der Bewohner anzupassen. Diejenigen, die im Monat mehr Geld zur Verfügung haben, würden demnach mehr bezahlen als die NiKa-Mitglieder mit einem geringeren Einkommen. „Auch das gehört zu einer Solidargemeinschaft“, so Keil.

Miete drückt eine Million Haushalte unter Hartz-IV-Niveau

Das Projekt begreift sich dabei nicht als eine Gemeinschaft, die sich abschottet. „Wir verstehen uns als ein Teil des Bahnhofsviertels“, betont Keil. Das Wohnprojekt will etwa im Erdgeschoss in Verbindung mit dem Viertel treten. „Es wird ein Atelier geben, in dem Veranstaltungen stattfinden und eine Sozialberatungsstelle vom Förderverein Roma“, sagt Keil. Der dritte Raum soll zur nachbarschaftlichen Nutzung offen sein. „Wir werden Angebote jenseits des dicken Geldbeutels machen“, so der Politologe.

Dass sich im Bahnhofsviertel mit seiner Kriminalität und Prostitution nicht alle Menschen problemlos integrieren lassen, ist NiKa bewusst. „Wir wollen die Vielfalt des Bahnhofsviertels erhalten und uns gleichzeitig mit der spezifischen Situation des Viertels auseinandersetzen“, betont Keil. Die Gruppe habe bereits Veranstaltungen etwa zur Sexarbeit organisiert. Er hofft, dass NiKa mit der Zeit eine Vorbildrolle einnehmen und Nachahmer finden wird. Der Druck auf die Politik, etwas an der Wohnungsmarktsituation zu ändern, würde so immer größer.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare