Mehr als Motivationsgeschichten

„Why are you creative?“ im Museum für Kommunikation Frankfurt

+
So verschieden ihre Kunst, so verschieden ihre schöpferische Triebkraft. Regisseur David Lynch („Lost Highway“) beantwortete die Frage nach dem Grund seiner Kreativität mit einer verrätselten, beinahe angstvollen Skizze.

Frankfurt - Fluch oder Segen, Notwendigkeit oder Lust? Seit 30 Jahren stellt Autor und Produzent Hermann Vaske Prominenten die Gretchenfrage: „Why are you creative?“ Etwa 300 Antworten sind ab heute im Frankfurter Museum für Kommunikation zu sehen. Von Eva-Maria Lill 

Eine inspirierende Reise durch geniale Köpfe. Die Kunst hat kein Monopol auf die Kreativität. Es gibt sie auch im Sport, in der Politik, in der Wissenschaft. Günter Netzer selbstironisch „Die Tiefe des Raumes“. John Lydon von den Sex Pistols konfrontativ: „Wut ist meine Energie“. Steven Hawking punktgenau: „Als Wissenschaftler musst du kreativ sein. Ansonsten wiederholst du müde alte Gleichungen. Du erschaffst nichts Neues.“

Seit 1988 fragt Autor und Produzent Hermann Vaske Prominente nach dem Grund für ihre Schöpferkraft. Die Antworten, die ihm bisher etwa 1 000 Persönlichkeiten gegeben haben, sind, nun ja, kreativ. Manchen reicht da Sprache nicht. Performance-Ikone Marina Abramovic strichzeichnet eine Hand, Künstler Damien Hirst malt Geschlechtsorgane, Boris Becker schickt gleich einen Tennisschläger. Eine Auswahl an Briefen, Schriften und Artefakten ist nun im Frankfurter Museum für Kommunikation zu entdecken.

Für Sängerin und Künstlerin Yoko Ono hingegen ist Kreativsein eine Sache der Identität („Because I Am What I Am“ – „Weil ich bin, was ich bin“).

Optisch unaufgeregt hängen Antwortzettel in hellen Holzrahmen, assoziativ geordnet. Wer was fürs Auge sucht, der ist hier falsch. Wer was fürs Hirn finden will, goldrichtig. Denn der Inhalt macht’s. Ein Rundgang durch Vaskes Projekt ist eine Reise durch fremde Ideenwelten und zugleich eine Einladung zur Selbsterkenntnis. „Natürlich möchte ich, dass sich der Besucher die Frage nach der eigenen Kreativität stellt“, sagt Vaske.
Ende des Jahres kommt sein neuer Film „Why are we creative? The Centipede’s Dilemma“ ins Kino, in dem er Ausschnitte seiner umfangreichen Gespräche mit Promis zeigt. Die Ausstellung ist quasi ein Vorgeschmack, Fragmente sind zu sehen.

Auch David Bowies Interpretation lässt Raum für Spekulation.

„Kreativität ist eine Geste der Großzügigkeit“, erklärt der Berliner. „Du gibst der Welt etwas, was sie vorher nicht hatte.“ Die Ausstellungsstücke erzählen aber mehr als bloß Motivationsgeschichten. Denn neben den anregenden Aussagen sprechen auch die Formate von Vaskes Begegnungen. Schauspieler Johnny Depp etwa antwortete mit einer Davidoff-Zigarettenpackung. Die iranische Regisseurin Samira Makhmalbaf schrieb ein Gedicht – einmal in Englisch, einmal in Farsi – auf etwas, das nach Stofffetzen aussieht.

„In mir sind all diese Momente, die Gespräche mit diesen großen Köpfen der Kreativität“, sagt Vaske. „Andere können sie vielleicht nicht nacherleben, aber ich kann versuchen, sie nachzuerzählen“. Das gelingt ihm mit diesem Projekt wunderbar.

 „Why are you creative“ bis zum 4. November im Museum für Kommunikation Frankfurt (mit Pause vom 28. August bis 28. September), Di.-Fr. 9-18 Uhr, Sa., So. und Feiertags: 11-19 Uhr

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare