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Historisches Museum als Alternative zum Stadtspaziergang im Winter

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Einen Blick fürs Detail brauchen Besucher, wenn sie beim großen Stadtmodell „Frankfurt Jetzt!“ jede Kleinigkeit entdecken wollen. Gerade die Materialwahl des Künstlers Herrmann Helle ist beachtenswert. Zu den Höhepunkten des Museums zählt auch eine große Schneekugel, die verschiedene Motive bietet, etwa „die kriminelle Stadt“.

Frankfurt - Durch die Stadt tingeln und winternasse Füße bekommen? Igitt. Es gibt eine trockene Alternative: Das Historische Museum Frankfurt zeigt viele spannende Facetten des Urbanen. Von einem Mozart-Graffito bis zur Mega-Schneekugel. Ganz ohne Mantelkragen und Mützenhaar. Von Nicole Unruh

Eine Stadt bei einer Ausstellung erkunden – klingt erst mal widersprüchlich. Doch ein Besuch des Historischen Museums Frankfurt (HMF) bietet eine Entdeckungstour mit trockenen Füßen, gerade zur kalten Jahreszeit eine echte Alternative zu Bibber-Spaziergängen. Mit riesiger Schneekugel, spannenden Reisen ins Einst und Jetzt sowie Einblicken in die Altstadt, wie sie tatsächlich einmal aussah, lockt das Museum seit der Neueröffnung im Herbst 2017 die Gäste. Bei einem Rundgang lassen sich auch Kleinode wie ein „Graffito“ von Mozarts Vater oder der seltenste Globus der Welt entdecken.

Die erste Überraschung findet sich schon beim Eingang an der Saalgasse: Genau hier, zwischen Alt- und Neubau, plätscherte einst der Main ans Ufer. „Das historische Highlight an prominenter Stelle haben wir dem Zufall zu verdanken“, berichtet Andrea von Bethmann, Vorsitzende des HMF-Fördervereins. Beim Ausheben der Baugrube für das Museumsquartier stießen die Bagger 2012 auf die Überreste eines alten Stauferhafens.

Sein 20 Meter langer gepflasterter Weg wird von einer gut erhaltenen Holzbohle gesichert, die nach Untersuchung der Stadtarchäologen um 1310 gefällt wurde. Genau bis dorthin reichte bis 1333 das Mainufer, dann wurde die Stadtmauer wegen der Erweiterung Frankfurts in Richtung des Flusses verlegt. So hat sich mitten im HMF ein einmaliges Zeugnis der Frankfurter Stauferstadt erhalten – auch wenn sich die Bauzeit durch den Fund und dessen würdige Präsentation um ein Jahr verlängerte.

Mit dem Neubau hat sich eines der größten Stadtmuseen in Europa innen wie außen erneuert: Der Betonklotz wich einem Bau aus Mainsandstein, lange Texttafeln wurden durch interaktives Erleben ersetzt. Der frische Wind erfasste auch alte Sammlungen wie das Morgenstern’sche Miniaturcabinet (1796-1843), das im Altarraum des alten Stauferturms zu sehen ist. Drei Kabinettschränke präsentieren eine wundervolle Gemäldegalerie im Miniaturformat: Kleine, detailgetreue Kopien von Werken berühmter Meister – und über jedes Bild vermag ein Touchscreen etwas zu erzählen. Schon da ist kaum zu ermessen, wie viel Arbeit allein in diesem winzigen Teil des Museums steckt.

Das ist nur eine der vielen Möglichkeiten, bei Zeitreisen im HMF völlig die Zeit zu vergessen. Liebhaber können sich verlieren in den historischen Sammlungen des Museums, die beispielsweise Fayencen, Waffen und Schmetterlinge umfassen.

Gerade jüngere Gäste tauchen auf dem Weg in den Neubau fasziniert in die Welten der mächtigen Schneekugel ein. Die Installation im Rundbau unter einer großen Glaskuppel präsentiert acht von Künstlern gestaltete Stadtbilder. Nach einem Knopfdruck der Besucher legt ein Industrieroboter die ausgewählte Scheibe mit drei Metern Durchmesser in die Kugel und fährt sie nach oben. Auf den Wänden des Raums wird deren Thema – etwa „die kriminelle Stadt“, „die ewige Baustelle“, „die Drehscheibe“ oder „die jüdische Stadt“ szenisch begleitet. Faszinierend – doch es warten noch weitere Stockwerke auf die Erkundung.

„Die Darstellung im Neubau verläuft nicht chronologisch; das wäre zu vorhersehbar“, so Andrea von Bethmann. „Den Kuratoren ging es darum zu zeigen, was die Stadt wirklich ausmacht.“ Zu Beginn der Dauerausstellung „Frankfurt Einst?“ verschaffen Stadtbilder und -modelle einen Überblick.

Als Blickfang dient das Altstadtmodell der Brüder Treuner aus den 1920er-Jahren, das auf detaillierten Aufmaßen jedes einzelnen Hauses basiert. Im Maßstab 1:200 bildet es den einst größten mittelalterlichen Stadtkern Deutschlands ab und veranschaulicht, wie die nun wiederaufgebaute Altstadt vor dem Zweiten Weltkrieg tatsächlich aussah: verwinkelt, eng und dunkel. Dem gegenüber steht ein direkt nach 1945 entstandenes „Trümmermodell“, und auch die lebhaften Diskussionen um die Rekonstruktion der Altstadt lassen sich im Museum nachvollziehen.

Spätestens für die weiteren Stockwerke empfiehlt sich eine Führung – sonst kann der Besucher angesichts der Flut an Exponaten und Informationen etwas ins Schwimmen geraten. Dabei werden nur 6000 von 600.000 vorhandenen Objekten überhaupt gezeigt. „Noch sind unsere Depots in der ganzen Stadt verteilt. Alle städtischen Museen hoffen und warten aber auf eine zentrale Einrichtung“, sagt Andrea von Bethmann. Dann ließen sich auch gemeinsame Restauratoren-Werkstätten nutzen, deren Fertigkeiten von Gemälden über Holz, Papier und Metall bis hin zu Textilien reichen.

Natürlich spielt auch das Geld in Frankfurt eine Rolle: Neben einer Menge Münzen sowie Hinweisen zur Messestadt, dem Finanzplatz und seinen Handelszyklen erfährt der überraschte Besucher, dass es ab 794 schon einmal rund 400 Jahre lang eine europäische Einheitswährung gegeben hat. Weitere plastisch dargestellte Themen sind die Kaiserkrönung samt Reichsinsignien und die Paulskirche als Wiege der Demokratie. An dieser Stelle sind auch historische Reden zu hören. Ein eher unscheinbares Stück erweist sich als das Objekt mit dem höchsten Versicherungswert im Museum: Der Schöner-Globus ist 20 Jahre nach der „Entdeckung“ Amerikas entstanden und zeigt erstmals Spuren dieses Kontinents. „Aus dieser Zeit existiert weltweit nur ein anderer Globus“, betont Andrea von Bethmann.

Einmaliges bietet zudem die Galerie „100 x Frankfurt“: Auf einem Fenster von 1763 prangt ein „Graffito“ von Mozarts Vater. „Als er mit seinen musizierenden Kindern auf Tournee in einem Frankfurter Gasthaus weilte, ritzte er mit seinem Brillantring in die Glasscheibe, dass er hier war“, berichtet die Fördervereins-Vorsitzende.

Zudem finden sich in diesem Teil des Museums Margarete Schütte-Lihotzkys Frankfurter Küche von 1926 als weltweit erste Einbauküche, Weihnachtsschmuck in Form von Hakenkreuzen, ein Revolutionsspiel von 1968, in dem mit Molotowcocktails gehandelt wird, und ein Stuhl aus dem Hüttendorf im Stadtwald während des Konflikts um den Bau der Startbahn West 1980/81.

Bilder aus dem frisch sanierten Stadtmuseum

Da ist „Frankfurt Jetzt!“ nicht mehr weit. Die rund 1000 Quadratmeter große Ausstellungs- und Veranstaltungsfläche im obersten Stock des Neubaus wird von einem Stadtmodell dominiert, das beim näheren Betrachten immer mehr Geheimnisse offenbart: Seine Bankentürme bestehen aus Spieljetons, der Flughafen aus Handys, die Universität aus Büchern und die Mainbrücken aus Kleiderbügeln. Im Vorfeld hatte der Künstler Hermann Helle mehr als 1000 Frankfurterinnen und Frankfurter zu ihren Stadt-Ansichten befragt und diese dann ins Modell übersetzt.

Überhaupt steht im „Jetzt“ das Interaktive im Mittelpunkt: Das Stadtlabor Digital erkundet noch bis April 2019 die Orte der Jugend in Frankfurt, und für die Bibliothek der Generationen können gar bis zum Jahr 2105 (!) Beiträge eingereicht werden.

So bleibt das Historische Museum Frankfurt stets in Bewegung – als ein Ort, an dem sich die Stadt (nicht nur im Winter) immer wieder neu erkunden lässt.

Veranstaltungen:

Am 19. Januar 1919 konnten Frauen in Deutschland zum ersten Mal wählen und sich wählen lassen. Bis zum Samstag, 19. Januar läuft im Historischen Museum noch eine Ausstellung, die sich mit diesem Thema befasst. Zur Finissage ab 19 Uhr inszenieren Museum, Frankfurter Kranz und das Schauspiel einen politischen Salon, der zwei Frankfurterinnen, die hinter dem Kampf um Mitbestimmung stecken, zu Wort kommen lässt. Zuvor bietet das Museum um 15 Uhr eine Führung an. Anmeldungen unter: 069/212-35154 oder besucherservice@historisches-museum-frankfurt.de.

Geöffnet hat das Museum an der Saalgasse 1 dienstags bis freitags von 10 bis 18 Uhr, mittwochs bis 21 Uhr, sowie samstags und sonntags von 11 bis 19 Uhr. Der Eintritt kostet zwölf Euro (ermäßigt sechs), der Zugang zur Dauerausstellung acht. Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre zahlen nichts. Infos, Führungen und Termine unter historisches-museum-frankfurt.de.(nuh)

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