Amüsierviertel, neu definiert

Neue Projekte für Alt-Sachsenhausen

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Das Hotel „Libertine Lindenberg“ in Alt-Sachsenhausen. In Café und Bar sind auch Flaneure willkommen.

Frankfurt - Eigentlich ist Steen Rothenberger angetreten, um als Investor und Projektentwickler seine Vision eines neuen Alt-Sachsenhausens zu realisieren. Von Detlef Kinsler 

Der Name Rothenberger ist verbunden mit einer Unternehmensholding, die in den Bereichen Maschinenbau und Immobilien überaus erfolgreich ist. Ebenso ist der Name verbunden mit dem Gestüt Erlenhof als Zucht und Rennstall im Bad Homburger Stadtteil Dornholzhausen. Alle vier Kinder von Brigitte und Günter Rothenberger, der das Familienimperium einst gründete, führen die Familientradition auf unterschiedlichen Arbeitsfeldern fort. Steen Rothenberger, der Jüngste des Clans, hat sich seine ganz eigenen Spielwiesen geschaffen. Zum Beispiel das Stadtteilmagazin „Ein Viertel“, das sich voll und ganz „unserem geliebten Apfelweinviertel“ widmet, in dem die Macher der noch vorherrschenden Niveaulosigkeit und dem baulichen Zerfall zum Trotz ein großes Potenzial sehen. „Amüsierviertel ja, aber bitte neu definiert“ lautet der Ansatz des Teams um Rothenberger.

Mit dem Atelierhaus „Der kleine Mann mit dem Blitz“ in der Kleinen Rittergasse 11 wurde 2015 zunächst eine „Pop-up-Location“ eröffnet. Das neu gebaute, architektonische Kleinod ist Galerie, Fotostudio, Bar und Veranstaltungsraum, der für unterschiedliche Events gemietet werden kann. Zusätzlich heißt es seit 12. Februar wenige Gehminuten entfernt in der Frankensteiner Straße 20 „Willkommen im Libertine Lindenberg“. In dem Gründerzeithaus ist ein Hotel entstanden, das aber eher als „Gästegemeinschaft“ für Kurz- und Langbleiber definiert wird. Jede Zimmersuite ist ein liebevoll gestaltetes Unikat. Es ist ein Haus, das Geschichten erzählt, ein Haus, das auch dazu anregt, neue Geschichten zu erfinden. Bevor die 27 Zimmer nebst Wohnzimmercafé, Kochlandschaft im Obergeschoss und Fitnessraum im Basement vollendet wurden, hatte sich die Hospitality GmbH als Betreiber bereits über zwei Jahre lang in einem Pilotprojekt, dem Lindenberg (ganz ohne Vornamen) in der Rückertstraße im Ostend, erproben können.

Da Steen Rothenberger ein musikliebender Mensch ist, gibt es im „Kleinen Mann mit dem Blitz“ auch gelegentlich Konzerte. Fotograf Oliver Tamagnini, der hier lebt und arbeitet, organisiert vorzugsweise Auftritte von Folk- und Countrykünstlern, die man in Frankfurter Clubs sonst nicht sehen kann. Und im Keller des Libertine Lindenberg hat „Lotte Lindenberg“ ein Zuhause gefunden - eine exklusive Musikproduktionsstätte mit Wolfgang Gottlieb hinter dem Mischpult. Der hat sich einen Namen als einer von drei kreativen Köpfen hinter dem Frankfurter Plattenlabel Hazelwood Vinyl Plastics gemacht, das der deutschen Musikszene außergewöhnliche Bands wie Universal Congress Of, King Khan & The Shrines, Low 500, The Great Bertholinis oder Mardi Gras.bb bescherte.

Allerdings ist Hazelwood mittlerweile Geschichte, und Gottlieb stieg in die Frankfurter Dependance der Akademie Deutsche Pop als Ausbilder ein. Nicht im Traum dachte er daran, in die Musikbranche zurückzukehren - bis ihn Rothenberger freundlich überredete, die Idee „Lotte Lindenberg“ mit Leben zu erfüllen. „Wir wollen hier etwas ganz Spezielles, Exklusives, ein Zusatzangebot kreieren, schöne Aufnahmen auch mit teilweise renommierten Künstlern machen“, erzählt Gottlieb. Das bedeutet: Keine Exklusivverträge mit Musikern, keine riesigen Kosten für Marketingstrategien oder bundesweite Tourneeaktivitäten. CDs werden nicht mehr produziert, physisch gibt es die Musik nur auf Vinyl, aufgenommen in Analogtechnik. Adressaten für solche Perlen sind gut sortierte Plattenläden. „Ich möchte wirklich, dass Leute auf die Musik stoßen, die immer noch Interesse haben, Dinge zu entdecken“, gibt Labelchef Gottlieb die Parole für „Lotte Lindenberg“ aus.

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