Joja Wendt in der Alten Oper

Klassik auf Boogie-Kurs

Frankfurt -  Geschwindigkeitsrekorde am Klavier, hehre Klassik mit Boogie-Woogie-Potential und origineller kompositorischer Eigenbau, den er leutselig unters Fanvolk bringt: Der Hamburger Tasten-Star Joja Wendt arbeitet nicht nur im und am Akkord, sondern ist auch ein begnadeter Alleinunterhalter. Von Klaus Ackermann 

Seine zündende Show riss in der gut besuchten Alten Oper wieder einmal ein Mehrgenerationen-Publikum mit. Irgendwie erinnert die Nummer an Franz Liszts Liebesträume, die er eingangs locker vom Hocker am großen Konzertflügel präludiert. Um spätestens beim cis-Moll-Prélude von Rachmaninow dem Affen Zucker zu geben, das mit hart angerissener Begleitfigur in der linken Hand zum Boogie mutiert. Das wirkt so selbstverständlich, als hätte der spätromantische Russe gerade eben die höheren Jazz-Weihen erhalten. Und wenn zwei Hände nicht mehr ausreichen, benutzt der smarte Klavierspieler augenzwinkernd eine Holzleiste als Akkordschablone.

Derlei Umwidmungen sind das Salz in Wendts Show-Suppe, etwa beim rasanten „Hummelflug“ von Rimski-Korsakow, dessen irrwitzige Repetitionen selbst auf der Leinwand nicht mehr zu verfolgen sind, auf die eine Kamera das teuflische Fingerspiel des Tastenmagiers überträgt. Da kann der geneigte Klavierschüler dann Fingersätze und die Lieblingstonarten des hanseatischen Derwischs studieren, der seiner Heimatstadt im „Regenlied“ ein Denkmal setzt. Der seine Zuhörer per Fingerschnipsen, Schenkelklopfen und Stampfen zum Regenmachen animiert, während Wendt am Klavier für Blitz und Donner, aber auch für strahlende Sonne sorgt. Und beim seinem „Just Married“ ist sogar das Filmorchester Babelsberg live zugeschaltet. Naja – vielleicht kommt’s doch per Video.

So wirkt Musik auf unseren Körper

Den spontan witzigen Dialog mit dem Publikum krönt Wendts „Geisterhaus“, von schaurigem Musical-Format. Hier kommt die 10-jährige Sophie aus Sachsenhausen ins Spiel, die, gerade von Wendt gecastet und instruiert, den Großen Saal zu gespenstischem Jaulen verleitet und einem Klein-Flügel schaudern machende Geräusche entlockt. Während der Meister mit geisterhaft leuchtenden Fingern magisch die Tasten drückt.

Natürlich ist das gewöhnungsbedürftig, doch Wendts Grusical kompensieren dann wieder seine schon höllisch präzisen Ragtime-Einlagen oder die Art-Tatum-Gedächtnis-Nummer oder der virtuos aufgezäumte „Sheik Of Araby“. Da möchte man glatt seinem eigenen Klavier einen Tritt versetzen. Natürlich ist neben zirzensischer Tastenakrobatik auch Clownerie im Spiel. Doch wie Joja Wendt dies alles angenehm auf ironische Distanz bringt, das macht ihn unheimlich sympathisch.

Rubriklistenbild: © dpa

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare