Kabinett tagt in Jüdischer Gemeinde

Kippa-Tag in Frankfurt: Zeichen der Solidarität

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An der Kundgebung zum „Kippa-Tag“ auf dem Römerberg beteiligten sich mehrere hundert Menschen. Sie setzten damit ein Zeichen der Solidarität mit Israel und gegen Antisemitismus.

Frankfurt - Mancher religiöse Jude versteckt seine Kippa auf deutschen Straßen lieber unter einer Baseballkappe. Auf vielen Fußballplätzen und Schulhöfen wird „Jude“ als Schimpfwort genutzt. Was halten Betroffene von solidarischem Kippa-Tragen bei Nicht-Juden? Von Eva Krafczyk

Alon Meyer, Präsident des Sportvereins Makkabi in Frankfurt, glaubt an die verbindende Kraft des Fußballs. Im blauen Trikot mit Davidstern auf der Brust spielen Juden, Christen und Moslems. Er sagt aber: „In den vergangenen 15 bis 18 Monaten ist es erheblich aggressiver und hemmungsloser auf deutschen Sportplätzen geworden.“ Neu seien Angriffe auf „Judenteams“ nicht – Meyer, seit seiner Kindheit bei Makkabi, hat das selbst oft erlebt. „Jetzt sind es nicht mehr rechte Glatzenträger, sondern Gegner aus Teams mit muslimischem Hintergrund.“

Anlässlich einer Kabinettssitzung der schwarz-grünen Landesregierung bei der Jüdischen Gemeinde Frankfurt beschrieb ein 18 Jahre alter Makkabi-Fußballer, wie er das erlebt: „Es gibt immer wieder Vereine, die uns als ,Scheißjuden’ oder sonst antisemitisch beleidigen. Das stachelt uns nur noch mehr an, auf dem Platz unser Bestes zu geben und zu gewinnen.“ Angesichts solcher Vorfälle begrüßt Meyer den Aufruf an die Frankfurter, gestern demonstrativ Kippa zu tragen, die traditionelle Kopfbedeckung religiöser jüdischer Männer. „Ich finde, das ist ein Zeichen, das mitten aus der Gesellschaft kommt und insofern sehr richtig und gut ist, um eine gewisse Solidarität zum Ausdruck zu bringen“, betont er.

Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) bezeichnete Antisemitismus als „Angriff auf die Grundlagen unserer Demokratie“. Die Hemmschwelle für entsprechende Äußerungen oder Taten sei gesunken. Die schwarz-grüne Landesregierung habe ihre Sitzung bewusst auf den 70. Jahrestag der Staatsgründung Israels gelegt: „Zu unserer Staatsraison gehört das Existenzrecht Israels“, betonte Bouffier. Gleichzeitig solle ein deutliches Signal für die Zukunft der jüdischen Gemeinden in Hessen gesetzt werden. „Ich will keine Verhältnisse wie in Frankreich, wo jüdische Gemeinden ihren Mitgliedern raten, das Land zu verlassen.“

Für den Abend hatte Frankfurts Kirchendezernent Uwe Becker (CDU) zu einer Kundgebung unter dem Motto „Zeig Gesicht und Kippa“ auf den Römerberg eingeladen. Ähnliche Demonstrationen gab es in mehreren deutschen Städten nach Angriffen auf einen jungen Mann aus Israel in Berlin.

"Nie wieder Judenhass!" - 5000 Menschen gehen auf die Straße

„Jetzt ist Zeit zu zeigen: Jeder Fall ist ein Fall zu viel“, sagt der Frankfurter Rabbiner Avichai Apel zur Kippa-Initiative. Er begrüßt die Aktion. „Die innerjüdische Diskussion zur Kippa ist wieder etwas anderes“, betont der orthodoxe Rabbiner angesichts von Frauen, die als Zeichen der Solidarität zur Kippa greifen.

„Ich war heute an einer Frankfurter Schule – und es war für mich sehr bewegend, dass zahlreiche Schüler dem Aufruf gefolgt sind“, erzählt der Frankfurter Rabbi Julian-Chaim Soussan bei der Kabinettssitzung. Ziel müsse aber eine Gesellschaft sein, in der Menschen ohne Angst leben könnten, sagt der Rabbiner, der zugibt, an manchen Orten lieber eine Mütze über seiner Kippa zu tragen. In der Diskussion mit dem hessischen Ministerpräsidenten plädiert er für eine „Null-Toleranz-Politik“ angesichts antisemitischer Vorfälle an Schulen.

„Für Betroffene ist das ein Zeichen, dass sie nicht allein sind. Jede Minderheit, die angegriffen wird, braucht diese Zeichen der Solidarität“, sagt Meron Mendel, Direktor der Anne-Frank-Bildungsstätte in Frankfurt. Dass die Kippa-Aktion am 14. Mai, dem 70. Jahrestag der Staatsgründung Israels, stattfindet, sieht er indes skeptisch. „Da wird der Tag politisiert. Wir plädieren in unserer Beratungsarbeit immer dafür, zwischen der Politik Israels und Jüdinnen und Juden, die hier leben, zu unterscheiden.“

Tausende fordern bei Ostermärschen Frieden und Abrüstung

2017 ist laut hessischer Kriminalstatistik durchschnittlich einmal in der Woche eine antisemitische Straftat zur Anzeige gebracht worden. Insgesamt wurden 59 Straftaten mit antisemitischem Hintergrund verzeichnet. „Von französischen Verhältnissen oder auch von Berliner Verhältnissen sind wir noch weit entfernt“, sagt Mendel dazu. „Frankfurt ist immer noch eine tolerante Stadt. Aber das heißt im Umkehrschluss nicht, dass man überall unbesorgt mit Kippa rumlaufen kann.“

Auch Mendel hat Freunde, die angepöbelt oder angegriffen wurden, weil sie mit der Kippa unterwegs waren. Für den gebürtigen Israeli stellte sich die Frage nie: „Ich bin zwar gläubiger Jude, aber nicht orthodox.“ Wenn er in Brüssel, London oder New York unterwegs ist, sieht er viele Kippa-Träger und beneidet sie um die Selbstverständlichkeit. „In all den Jahrzehnten der Bundesrepublik haben wir es nicht geschafft, so einen Zustand zu erreichen. Es wäre schön, wenn wir das schaffen. Aber ich habe das Gefühl, es geht in die andere Richtung.“ (dpa)

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