Klassische Komödie „Amphitryon“

Kleist-Verwirrspiel tragisch verschattet

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Patrycia Ziolkowska als Alkmene mit Max Simonischek (Amphitryon) in der Kleist-Inszenierung am Schauspiel.

Frankfurt - Bei Kleist hält sich das in einer Schwebe. Ein Lustspiel nennt er sein 1806 verfasstes Stück „Amphitryon“ nach der Vorlage der ihrerseits auf einen Stoff aus der Antike zurückgehenden Komödie Molières. Doch ist das Verwirrspiel bei Kleist tragisch verschattet. Von Stefan Michalzik 

Es geht nicht mehr um den betrogenen Ehemann, Kleist handelt von der Krise des modernen Menschen. Eine elegische Stimmung ist es, die über der Inszenierung von Andreas Kriegenburg am Frankfurter Schauspiel liegt. Die Komik – eher Nebensache. Die räumliche Konstruktion von Harald B. Thor ist ein Coup: zwei Tunnelröhren quer über die Breite der Bühne, monströsen Treppenstufen gleich übereinandergelagert. Ein Tonschnipsel mit Straßengeräuschen verweist auf ein Verkehrsbauwerk als Ort des Transitorischen. Zu Beginn sind in diesen Röhren zwei identisch aufgemachte Männer mit dienstfertigem Habitus in braunen Mänteln und Aktentaschen unterwegs, Sebastian Reiss und Christoph Pütthoff als der Diener Sosias und der Götterbote Merkur, der dessen Gestalt angenommen hat. Der Angestellte als der Diener, der Unfreie und Dienstfertige unserer Tage – das liegt nahe. Allerdings bleibt es folgenlos im Raum stehen. Die Doppelgänger verwickeln sich in ein indirektes sprachliches wie auch choreografisches Katz- und Maus-Spiel.

Die Inszenierung Kriegenburgs ist Choreografie ebenso sehr wie Sprachspiel – oder will es sein, denn überwiegend ist das eher neckisch als triftig. Das berühmte „Ach!“ von Alkmene, der Gattin des thebanischen Feldherrn Amphitryon, das Kleist an den Schluss gesetzt hat, ist ein Laut, der in seiner mehrdeutigen Emotionalität eine gewisse Offenheit an die Stelle des glücklichen Finales stellt. Bei Kriegenburg sprotzt kurz vorher Max Simonischek als Amphitryon Lautfolgen anstelle von Worten aus, mit allem Halt auch der Sprache verlustig gegangen.

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So recht ins Taumeln allerdings geraten die Protagonisten nicht, mag auch der Körper von Patrycia Ziolkowska als Alkmene noch so stetig aus der vertikalen Achse wegkippen. Sie soll den Dreh- und Angelpunkt der Inszenierung abgeben. Ziolkowskas dauerglasiger Blick geht gerne ins femme-fatale-hafte, was angesichts der letztlichen Treue Alkmenes unnütz manieriert wirkt. Dieser Abend ist in seiner Art vor allem stylish. Polierte Oberfläche. Berührend, intensiv und dicht ist das nicht, und leider nicht mal komisch.

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