Klinikum Höchst

Chefärzte der Psychiatrie in Frankfurt-Höchst sollen auf ihre Patienten hören

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Eine verdeckt aufgenomme TV-Reportage hatte Missstände in der Psychiatrie-Abteilung des Klinikums Höchst aufgedeckt.

Der nach der Wallraff-Reportage eingesetzte Berater legt Defizite am Klinikum Höchst offen. Es gibt bereits Verbesserungen. So nimmt das Klinikum an einem bundesweiten Projekt zum Vermeiden von Zwang und Gewalt teil.

Einige Vorwürfe über die Zustände in der geschlossenen Psychiatrie des Klinikums Frankfurt-Höchst haben sich bestätigt, sagt Hans-Joachim Kirschenbauer am Mittwoch in Wiesbaden. Der als Berater eingesetzte Psychiater hat sich knapp ein halbes Jahr auf der Station umgeschaut, die nach der Wallraff-Reportage in Misskredit geriet.

Die Chefärzte etwa sollten Patienten in die Behandlung mit einbeziehen: „Die wissen oft selber, was sie vertragen und was sie wollen.“ Auch das Problem der Überbelegung existiere. „Die Crux ist, dass die Klinik dazu verpflichtet ist, alle aufzunehmen.“ Nicht bestätigt hingegen habe sich, dass die Patienten verwahrlost seien, dass es im Klinikum an Hygiene mangele und auch nicht die gezeigte unrechtmäßigen Fixierung eines jungen Mannes. Die Freundlichkeit des Personals sei allerdings verbesserungswürdig.

Klinikum Höchst will Zwischenbericht veröffentlichen

Nachzulesen ist das in seinem knapp 200-seitigen Zwischenbericht, den die Klinik bald auf ihrer Homepage veröffentlichen will. Er behandelt die in dem TV-Beitrag dargestellten Sachverhalte und benennt notwendige Veränderungen. Bis Jahresende soll der dritte Teil des Berichts fertig sein, der Empfehlungen formuliert, die bundesweit zu einem menschlicheren Umgang* mit psychisch Kranken beitragen könnten. Das wünschen sich der Frankfurter Stadtrat Stefan Majer und Hessens Sozialminister Kai Klose (Grüne). „Wir wollen, dass dieser Prozess Verbesserungen für alle an der Psychiatrie Beteiligten bringt.“

Wallraff-Reportage
Ende März sendet RTL den Beitrag des „Team Wallraff undercover“ über Psychiatrien in Deutschland. Eine der Reporterinnen hat in der geschlossenen Station der Psychiatrie des Klinikums Höchst heimlich gefilmt.

Der Bericht zeigt mangelhafte medizinische Betreuung, häufige und lange Fixierungen von Patienten, ruppiges und genervtes Personal. Es ist laut und schmutzig, die Stimmung aggressiv. Sozialminister Kai Klose schaltet sich als Fachaufsicht ein. jur

Kirschenbauer lobt den seines Wissens einmaligen Umgang der Beteiligten mit einer unangenehmen Undercover-Reportage. Statt Anwälte einzuschalten, habe sich die Klinik mit Unterstützung der Politik dem Thema gestellt. „Es war eine Initialzündung“ sagt Klinikchefin Dorothea Dreizehnter. Eine „Chance“, die die motivierte Belegschaft nutzen wolle. Dreizehnter zählt auf, was schon passiert ist: Die Aufnahme der eingelieferten Patienten erfolge seit sechs Wochen nicht mehr direkt auf Station D42. „Das sorgt für mehr Ruhe und mehr Klarheit für den Patienten.“ Die Sitzwache bei Fixierungen* übernähmen ausgebildete Pflegehelfer statt externe Kräfte. Plakate wiesen auf die Beschwerdemöglichkeiten hin. Es gebe regelmäßige Supervisionen. Andere Verbesserungen* seien erst nach Bezug des neues Gebäudes in fünf Jahren möglich. So fehlen der D42 separate Räume für Ergo- oder Kunsttherapie.

Zu den Chancen gehört auch die Teilnahme an einer sechsmonatigen Pilotstudie des Bundesgesundheitsministeriums zum Vermeiden von Zwang und Gewalt. Höchst sei hier eine von bundesweit fünf Kliniken, sagt Kirschenbauer. Das erforderliche Deeskalationtraining für sämtliche Mitarbeiter sei bis Jahresende beendet. Situationen mit körperlicher oder verbaler Gewalt würden dokumentiert und im Team besprochen, um Strategien zu entwickeln, damit sie sich nicht wiederholten.

Klinikum Höchst: Qualität der Psychiatrie hängt von Personalausstattung ab

Die Qualität der Psychiatrie hänge maßgeblich von der Personalausstattung* ab, betont Majer. Die Standards werden derzeit von den Krankenkassen und Kliniken neu verhandelt. „Das ist eine entscheidende Weichenstellung.“ Klose kündigt an, das zuständige Referat im Ministerium personell aufstocken zu wollen. Vom Abschlussbericht Kirschenbauers erwartet er auch Hinweise darauf, wie der im Koalitionsvertrag verabredete ambulante Krisendienst in jedem Landkreis etabliert werden kann. Denn vorzeitige Hilfe kann Klinikeinweisungen verhindern.

Von Jutta Rippegather

*fr.de ist Teil der bundesweiten Ippen-Digital-Zentralredaktion.

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