Wie komisch das Leben so spielt

Uraufführung von „Out of Order“ im Bockenheimer Depot

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Hoch her geht’s bei Forced Entertainment.

Frankfurt - In großer Selbstverständlichkeit hat das im englischen Sheffield ansässige Performance-Ensemble Forced Entertainment immer wieder ausgiebig mit Sprache gearbeitet. Von Stefan Michalzik 

Diesmal allerdings, in dem neuen Stück „Out of Order“, das im Bockenheimer Depot in Frankfurt uraufgeführt worden ist, wird nicht ein einziges Wort gesprochen. Dabei ist es von einer unfreiwilligen Ironie, dass es sich ausgerechnet um das erste Exempel einer neuen Zusammenarbeit zwischen dem Schauspiel und dem Mousonturm handelt. Die andernorts heftige Wogen schlagende Debatte um einen hegemonialen Bestandsanspruch des text- und repertoirebasierten Ensembletheaters gegen die als „Eventbuden“ geschmähten Produktionshäusern einer ästhetisch „freien“ Szene ist an Frankfurt bislang weitreichend vorbeigegangen – und das scheint fürs Erste auch so zu bleiben.

Eine große Rolle in der Arbeit von Forced Entertainment und dem Regisseur Tim Etchells spielt der Humor – und sein ungleicher Bruder, die Melancholie. Wie Clowns sind die sechs Spielerinnen und Spieler aufgemacht, uniform in rotkarierten Anzügen. Sie sitzen auf Stühlen um einen Tisch herum. Wie auf Kommando entzündet sich unter den Klängen eines herzigen Pop-Oldies eine wüste Kabbelei, Stühle fliegen um. Nach einer gewissen Zeit und vielen Umläufen im Kreis beruhigt sich alles. Alle sitzen da wie am Anfang – und alles geht wieder von vorn los. Wieder und wieder, ungefähr ein Dutzend Mal. Immer gibt es einen wutschnaubenden Aggressor und dessen gejagtes Opfer, andere greifen schlichtend ein. Ausgesprochen amüsant ist das.

Im Grunde genommen handelt es sich um eine Choreografie. In einer zweiten Phase liegen alle platt am Boden, einer sitzt auf einem Stuhl, bläst einen Luftballon auf und lässt ihn trudelnd fliegen. In Phase drei schleppen die Spieler die Stühle und formieren sich zu einer zunächst behänden, dann lahmen Kreisprozession. Das geht lang, wiederum nach dem Stilmittel der geringfügig variierenden Wiederholung. Schließlich kommt ein klassisches Clowns-Utensil ins Spiel, die Hupe.

Wie immer hat das einen doppelten Boden. Es sind eben keine Clowns, die da auftreten, sondern Schauspieler, die Clowns spielen. Ein jeder stellt einen individuellen Typus dar. Man kann das als eine Erzählung über das Leben, über die Gesellschaft lesen. Oder sich ebenso gut einfach an der primären Ebene einer ungemein genau gearbeiteten Komik erfreuen. In jedem Fall ist das ein weiterer wunderbarer Wurf der ewigen Darlings der Theateravantgarde.

Nächste Aufführungen am 2., 3., 4., 5. sowie 16., 17., 18. Mai

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