Faszinierend und gruselig:

Die spektakulärsten Frankfurter Kriminalfälle seit dem 13. Jahrhundert

Dieser mit Gips gesicherte Fußabdruck ist im Keller des Polizeipräsidiums in Frankfurt zu sehen. Dort werden Exponate zu bereits abgeschlossenen Kriminalfällen gezeigt.
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Dienstwagen für die Frankfurter Halbwelt: Die Prostituierte Rosemarie Nitribitt brachte dem Mercedes 190 SL zweifelhaften Ruhm ein.

Frankfurt - Den „Tatort“ in Frankfurt gibt es nicht nur im TV, sondern auch ganz real: Rund um die Hauptwache haben sich im Laufe der Jahrhunderte viele Verbrechen ereignet. Diebe standen am Pranger, Köpfe rollten, Babys wurden ermordet und Geschäftsleute am helllichten Tag erschlagen. Eine spannend-gruselige Führung der Frankfurter Stadtevents gibt Einblicke in die spektakulärsten Kriminalfälle. Von Nicole Unruh

Die ältesten Zeugnisse vom Umgang mit Verbrechen in Frankfurt stammen aus dem 13. Jahrhundert. „Damals gab es neben der Todes- auch die Leibstrafe, was durchaus wörtlich zu nehmen war“, berichtet die Gästeführerin Elisabeth Lücke. Den Delinquenten wurden Ohren oder gar ganze Gliedmaßen abgeschnitten – und wer als Falschmünzer aufflog, bekam den Stadtadler aufgebrannt. „Wer dieses Zeichen auf der Stirn trug, war auf den Messen kein begehrter Handelspartner mehr.“ 26 Interessierte folgen an diesem Abend der Führung zu den Tatorten Frankfurts, der Andrang ist traditionell groß. „Nur die Tour durchs Bahnhofsviertel läuft genauso gut“, weiß Elisabeth Lücke, die seit mehr als 20 Jahren zu diversen Themen durch die Mainmetropole führt. Treffpunkt ist die Hauptwache, die einst als zentrales Polizeigefängnis diente: „Die Übelsten saßen im Keller.“ Ab dem 15. Jahrhundert stand ihnen auch in Frankfurt nach der Constituto Criminalis Carolina, dem ersten allgemeinen deutschen Strafgesetzbuch von Karl dem Großen, ein Verteidiger zu, und Todesstrafen galt es von einer unabhängigen Stelle zu prüfen. „Dennoch war der Willkür Tür und Tor geöffnet“, berichtet Lücke – und die Regelung „peinlicher Verhöre“ war nur eine nette Umschreibung für Folter.

Mehr als peinlich war auch die Zurschaustellung des „liederlichen Gesindels“ am Pranger, der am heutigen Uhrtürmchen an der Hauptwache stand. Den Betroffenen wurden die Haare geschoren und das Hemd abgeschnitten, bevor die Bevölkerung sie mit faulem Obst und Pferdeäpfeln bewerfen durfte. Frauen, die des Ehebruchs bezichtigt wurden, mussten nebenan in aller Öffentlichkeit auf einem hölzernen „Schandesel“ sitzen. Das Volk strömte in Scharen zu den Schauplätzen, es kam regelmäßig zu Tumulten. Um Ausschreitungen zu verhindern, wurden die Pranger Mitte des 19. Jahrhunderts, als ein moderneres Strafrecht zu gelten begann, abgeschafft. „Damals hat sich so mancher Säulenpranger in eine Marienstatue verwandelt“, weiß Elisabeth Lücke.

Indizien aus dem Hammermörder-Fall.

Auch die öffentlichen Richtstätten lagen im 18. Jahrhundert an der Hauptwache. Stadtgespräch war um 1770 der Fall der Kindsmörderin Susanna Margaretha Brand: Als Dienstmagd war sie in einem Gasthof von einem Durchreisenden geschwängert worden – „und damit als alleinerziehende werdende Mutter in richtig großer Not“, berichtet die Gästeführerin. Verzweifelt und einsam brachte sie ihren Sohn in einer Waschküche zur Welt und tötete ihn. Nach einer steckbrieflichen Fahndung wurde Susanna Margaretha Brand gefasst und im Gefängnis neben der Katharinenkirche verhört. Sie gab die Tat sofort zu, und ihr Verteidiger plädierte aufgrund der Umstände für ein mildes Urteil. „Schließlich war ihr Schicksal damals kein Einzelfall, oft trieben Kinderleichen im Main.“ Dennoch wurde der Frau am 14. Januar 1772 an der Hauptwache „durch einen Streich der Kopf glücklich abgesetzt“, wie es in Unterlagen von damals heißt. Kurz darauf erschien der Urfaust des Frankfurter Dichters Johann Wolfgang von Goethe. „Es gilt als gesichert, dass Frau Brand ihm als Vorbild für sein Gretchen diente“, so Elisabeth Lücke.

Als Vorlage für einen TV-Tatort wiederum – seit 1971 wurden 75 Folgen aus Frankfurt ausgestrahlt – könnte der Fall des Serienmörders Karl Hopf dienen. Der Musterschüler, Fechtweltmeister und Bernhardinerzüchter heiratete dreimal in schneller Folge; seine ersten Gattinnen waren jeweils schnell verschieden, und zumindest die erste hinterließ ihm einen ansehnlichen Betrag aus der Lebensversicherung. Auch die dritte Ehefrau erkrankte kurz nach der Hochzeit, schaffte es aber noch ins Diakonissenkrankenhaus, wo ihr ein Arzt schwere Vergiftungserscheinungen attestierte. Hopf wurde im April 1913 unweit des Goetheplatzes verhaftet. In seinem Haus fanden die Ermittler ein ganzes Arsenal an Typhus- und Cholerabakterien, Fingerhutgift und Arsen. „Der Mann hätte ganz Frankfurt auslöschen können“, sagt die Gästeführerin. In einem der ersten Indizienprozesse weltweit wurde Karl Hopf des mehrfachen Giftmordes überführt; Chemiker konnten bei den exhumierten Exfrauen jeweils Spuren von Arsen nachweisen.

Auch dieser in Formaldehyd eingelegte Finger einer unbekannten Leiche ist im Kriminalmuseum zu sehen.

Weiter geht es zum Rathenauplatz, auf dem 1616 der Lebkuchenbäcker Vinzenz Fettmilch hingerichtet wurde, nachdem er die Schändung und Plünderung in der Judengasse angeführt hatte. Da gingen die Scharfrichter richtig zur Sache: Sie säbelten Fettmilch die Finger ab, enthaupteten ihn, vierteilten seinen Körper und legten ihn jeweils auf den Ausfallstraßen der Stadt aus. „Damit war eine Auferstehung definitiv auszuschließen“, so Lücke. Auch zu diesem Spektakel strömte das Volk: „Vom Kleinkind bis zum Klerus war alles dabei.“ Die Köpfe von Fettmilch und drei weiteren Anführern des Aufstandes wurden an einem Pfeiler der Alten Brücke aufgehängt. Bis in Goethes Zeiten hinein sollten sie dort die Menschen vor ähnlichen Taten abschrecken.

Auch auf der Zeil finden sich reale Tatorte: 1904 wurde hier der Klavierhändler Lichtenstein mit eingeschlagenem Schädel in seinem Geschäft entdeckt. Am helllichten Tag hatten die Täter den Mann ermordet, seinen Laden verwüstet und Wertsachen gestohlen. Die Dreistigkeit des Verbrechens wirkte nachhaltig auf die Frankfurter, der Fall prägte sogar Kinder-Abzählreime, und Postkarten mit den Konterfeis der Täter fanden reißenden Absatz. Bundesweit machte der Fall Schlagzeilen, weil er als einer der ersten Mordfälle in Deutschland aufgrund von Fingerabdrücken aufgeklärt wurde.

Dagegen tappte die Polizei bei einer der blutigsten Mordserien der deutschen Nachkriegsgeschichte zunächst im Dunkeln. Ein Serienkiller machte 1990 Jagd auf Obdachlose in Frankfurt und erschlug sechs Männer mit einem Schlosserhammer; zwei weitere lagen monatelang im Koma. Seine beispiellose Brutalität versetzte die ganze Stadt in Angst und Schrecken – bis Anwohner in der Alten Mainzer Gasse einen Angriff auf einen Wohnsitzlosen beobachteten. Ein Mann flüchtete, und die Frankfurter konnten ihn so genau beschreiben, dass Arthur Gatter kurz darauf festgenommen werden konnte.

Zehn kuriose Kriminalfälle 2017 in Hessen

Der psychisch kranke Täter gab die Taten sofort zu, berief sich in den Vernehmungen auf innere Stimmen – und richtete sich selbst kurz darauf in einer Gefängniszelle. Seine eiskalte, empathiefreie Schilderung der Morde bewegt so manchen Ermittler bis heute. Zum Ende der Führung geht der Spannungsbogen, wie im echten Krimi, noch mal richtig nach oben: Elisabeth Lücke geleitet zum Haus in der Stiftstraße, in dem am 1. November 1957 Rosemarie Nitribitt ermordet aufgefunden wurde: mit eingeschlagenem Schädel und Würgemalen am Hals, den Kopf sorgfältig auf ein Handtuch gebettet. Der wohl berühmteste Mordfall Frankfurts ist bis heute, ebenso wie der Mord an der Edelprostituierten Helga Matura 1966, nicht aufgeklärt.

Dieser mit Gips gesicherte Fußabdruck ist im Keller des Polizeipräsidiums in Frankfurt zu sehen. Dort werden Exponate zu bereits abgeschlossenen Kriminalfällen gezeigt.

Was fasziniert die Menschen weltweit bis heute am Fall Nitribitt? „Sie stammte aus einfachsten Verhältnissen in Düsseldorf, besuchte Erziehungs- und Pflegeheime und schaffte es dann innerhalb kurzer Zeit, in den obersten Kreisen von Wirtschaft und Politik zu verkehren“, erläutert die Gästeführerin. Mit Anfang 20 besaß das „Mannequin“, wie es im Telefonbuch stand, eine schicke Wohnung in der Innenstadt und ein schwarzes Mercedes Cabrio mit roten Ledersitzen, das in der ganzen Stadt als ihr Markenzeichen galt. Trotz ihrer Herkunft bewegte sie sich äußerst gewandt auf dem gesellschaftlichen Parkett und hatte wohl auch anderweitig besondere Qualitäten. Nach ihrer Ermordung hielten sich hartnäckig Gerüchte, dass gehobene Kreise die Aufklärung zu verhindern suchten. Lange hoffte die Polizei noch auf Hinweise zur Tat, und der Schädel von Rosemarie Nitribitt wurde als schauriges Beweisstück bis 2007 bei der Frankfurter Kripo aufbewahrt – erst dann kam er ins Grab der Lebedame in Düsseldorf, das bis heute sorgfältig gepflegt wird.

Andere Relikte aus Frankfurter Kriminalfällen sind bis heute der Öffentlichkeit zugänglich: In der „Kriminaltechnischen Lehrmittelsammlung des Polizeipräsidiums Frankfurt“ finden sich unter anderem die Tatwaffe des Hammermörders, eingelegte Finger und Hände von Tatverdächtigen, aber auch Kuriositäten wie Schießkugelschreiber und 25-Euro-Scheine. Das belegt das Bonmot von Spannungs-Altmeister Alfred Hitchcock, das die Gästeführerin am Anfang des Rundgangs zitierte: „Verbrechen mögen sich nicht lohnen, sie sind aber allemal unterhaltsam.“

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