Sex und Kücheputzen

Start des „Summer in the City“-Festivals mit Rufus Wainwright

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Selbsternannter Gay-Messias: Rufus Wainwright

Frankfurt - Rufus Wainwright schreibt die Sorte Texte, in denen auf die Textzeile „early morning madness“ bald „early morning sadness“ folgt. Mit der selbstverständlichen sprachlichen Leichtigkeit eines Cole Porter. Von Stefan Michalzik

Porter, Gershwin, der Broadway – das sind die Bezugspunkte, auf denen der in New York lebende Musiker gründet. Desgleichen Brian Wilson und Scott Walker. Die Arrangements auf seinen Alben sind üppig, auf Konzertreisen lässt er sich meistens von rund einem halben Dutzend Musikern begleiten. Nun also: Rufus Wainwright allein am Klavier. Und gelegentlich auch an der Gitarre. An Opulenz lässt er es natürlich auch bei dem Solo zur Eröffnung der Saison des vom Mousonturm ausgerichteten Festivals „Summer in the City“ im Frankfurter Palmengarten nicht mangeln. Im Klavier, so sagt man, steckt ein ganzes Orchester. Das nimmt Wainwright beim Wort. Er spielt viel Stakkato und stellt gerne donnernde dramatische Effekte ans Ende seiner Songs. Weit ausschwingende melodische Bögen, reichlich Tremolo im metallisch timbrierten Gesang, der stellenweise mit effektvollem Hall belegt wird, tun ein Übriges. Der Eindruck jener Nummern, zu denen er sich an der Gitarre begleitet, bleibt ein Stück hinter den Liedern am Klavier zurück.

Für Wainwrights Verhältnisse dezent ist das Outfit: ein golden schimmernder Westen-Zweiteiler mit Pluderhose. Neuerdings trägt Wainwright, zwei Tage vorm Frankfurter Konzert 45 Jahre alt geworden, einen gepflegten grauen Vollbart. Nichts diesmal mit Federboa und Stringtanga oder gar Auftritten wie einst jenem berühmten als Dragqueen mit Engelsflügeln. Schwules Selbstbewusstsein hat der Mann, der sich in einem seiner Songs einmal als „Gay Messiah“ bezeichnet hat, seit jeher eher durch glamouröse Shows demonstriert als durch politische Stellungnahmen.

Derzeit nimmt Wainwright gerade ein neues Popalbum auf, einige Songs daraus sind zu hören gewesen. Die gute Nachricht: Er versteht sich nach wie vor darauf, fabelhafte Popsongs zu schreiben. Nachdem er mit seinen „klassischen“ Ambitionen – jüngst hat er seine zweite Oper fertiggestellt – nicht minder beklagenswert gescheitert ist wie Paul McCartney und manche andere.

Einigermaßen beschaulich scheint es im Haus Wainwright-Weisbrod zuzugehen. Letzterer ist der Deutsche, mit dem Wainwright verheiratet ist. Es ist des Öfteren von schwulem Sex die Rede gewesen in seinen älteren Songs. Im „Peaceful Afternoon“, einem der neuen, klingen Sex und „trying to keep the kitchen clean“ – die Sauberkeit der Küche also – in einem Atemzug an. Die folkige Melodie „Candles“ hat Wainwright in einer faszinierenden Form a cappella gesungen. Eher einen gaghaften Eindruck machte der Anti-Trump-Song nach dem Text eines befreundeten Rappers, mit billig klingenden HipHop-Beats. „So Long, Marianne“ und „Hallelujah“ klingen bei Wainwright hymnischer als in den Originalen von Leonard Cohen.

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