Ayad Akhtars „Disgraced“ am English Theatre Frankfurt

Kulturkampf in der Designerwohnung

Frankfurt - Das Stück der Stunde im englischsprachigen Original: Das English Theatre zeigt Ayad Akhtars mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnetes Bühnenwerk „Disgraced“. Für Amir Kapoor (Selva Rasalingam) hat sich der amerikanische Traum erfüllt. Von Christian Riethmüller 

Unter Druck: Amir (Selva Rasalingam)

Der Sohn aus Pakistan eingewanderter Eltern ist ein erfolgreicher Wirtschaftsanwalt in New York. Gemeinsam mit seiner Frau Emily (Maya Wasowicz), einer aufstrebenden Künstlerin, bewohnt er ein schickes Appartement (Bild: David Woodhead) in Manhattan und träumt davon, bald Partner in der Sozietät zu werden. Sein religiöser Hintergrund spielt für den Muslim keine Rolle. Eher gibt er sich als Agnostiker und spöttelt über Religionen. Seine aus einer protestantischen Familie stammende Frau ist hingegen vom kulturellen Erbe des Islam fasziniert, das auch in ihre stark von Ornamentik bestimmte Kunst einfließt. An Emilys Arbeiten hat der jüdische Kunstkurator Isaac (Edward Wolstenholme) Gefallen gefunden, der einige Gemälde im Whitney Museum zeigen will. Das käme für die Künstlerin einem Ritterschlag gleich, was Emily und Amir gemeinsam mit Isaac und dessen schwarzer Ehefrau Jory (Susan Lawson-Reynolds), eine Arbeitskollegin von Amir, bei einem Abendessen feiern wollen.

Das ungezwungene Dinner geht fürchterlich in die Hose. Amir musste sich in der Kanzlei einer unangenehmen Befragung unterziehen, weil er auf Bitten seines Neffen Abe (Adam Karim) und Emilys der richterlichen Befragung eines terroristischer Umtriebe verdächtigen Imams beigewohnt hatte und dazu von einer Zeitungsreporterin befragt worden war. Über diese Form der Publicity nicht gerade amüsiert, hatten Amirs Chefs Nachforschungen über ihn angestellt und dabei herausgefunden, dass es der penible Jurist bei persönlichen Angaben nicht ganz so genau genommen hatte.

Beunruhigt und angetrunken hat Amir beim Abendessen weder seine Gedanken noch seine Zunge unter Kontrolle. Der spritzige Smalltalk gebildeter und wohlhabender Menschen wandelt sich zu einer grundlegenden Debatte über Kultur und Religion. Plötzlich stehen sich nicht mehr vier Amerikaner gegenüber, sondern Vertreter kultureller Identitäten mit all ihren Vorurteilen und Verletzungen. Die Situation eskaliert und mündet in Gewalt.

Ayad Akhtar führt auf beklemmende Weise vor, welche Herausforderungen mit Integration einhergehen, indem er eigentlich gescheite, offenkundig bemühte Menschen bei dieser Aufgabe scheitern lässt. Wie aktuell Akhtars Text vor dem Hintergrund von Migrations- und Fluchtbewegungen derzeit ist, zeigt nicht nur die gelungene, mit sehr guten Darstellern besetzte Inszenierung von Adam Lenson am English Theatre, wo das englischsprachige Original erstmals in Deutschland aufgeführt wird. Mehrere deutsche Bühnen – darunter das Staatstheater Wiesbaden – haben in diesen Wochen nämlich mit „Geächtet“ die Übersetzung von Akthars Stück im Programm.

  • „Disgraced“ ist bis einschließlich 1. Mai im English Theatre Frankfurt zu sehen.

Rubriklistenbild: © ETF/Kaufhold

Kommentare