Ungewöhnlicher Vorstoß

Für Lärmschützer ein Flieger-Gütesiegel?

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Durchblick beim Flughafenausbau: Die Stichworte Wirtschaftlichkeit und Wohlbefinden, Lärmpausen und Nachtflugverbot lieferten jetzt ausreichend Stoff bei einer Podiumsdiskussion.

Frankfurt - „Luftverkehrspunkt Frankfurt - Ausgebremst durch Schwarz-Grün oder gerüstet für die Zukunft?“ Mit dieser brisanten Frage beschäftigte sich jetzt eine fünfköpfige Runde unter der Moderation von Steffen Ball, Chef einer Heusenstammer Kommunikationsagentur, bei einer Podiumsdiskussion in Frankfurt. Von Harald H. Richter

Interessant war vor allem der Vorstoß von Frank Kaufmann, Flughafen-Experte der Grünen im Landtag. Der Politiker, der wohl bald im Fraport-Aufsichtsrat sitzen wird, schlägt ein Gütesiegel für Airlines vor, die das Nachtflugverbot bei Ferienflügen besonders berücksichtigen. .

Auf Einladung des Travel Industry Clubs, eines Wirtschaftszusammenschlusses der Reiseindustrie, diskutierten: Fraport-Chef Dr. Stefan Schulte und Michael Hoppe - er ist Generalsekretär der Barig, einer Interessenvertretung von über 100 Fluggesellschaften mit Sitz in der Mainmetropole - zusammen mit dem Direktor des Regionalverbands Frankfurt/Rhein-Main, Ludger Stüve. Die politische Flanke bildeten die Wiesbadener Koalitionspartner Dr. Walter Arnold, stellvertretender CDU-Fraktionsvorsitzender, sowie Frank Kaufmann von den Bündnis-Grünen; er ist Sprecher seiner Fraktion für Landesentwicklung, Regionalplanung und die Flughafen-Problematik. Beide waren darauf bedacht, sorgsam ihre Worte über den anderen zu wählen und zitierten mehrmals aus ihrem Koalitionsvertrag.

Wohlbefinden, Lärmpausen und Nachtflugverbot

Die Stichworte Wirtschaftlichkeit und Wohlbefinden, Lärmpausen und Nachtflugverbot lieferten Debattierstoff für eine lebhafte Aussprache, die auch von Fragen aus dem Publikum gespeist wurde. Einig war man sich, dass der Flughafen als Wirtschaftsfaktor weit über die Region hinaus Strahlkraft besitzt, wovon nicht nur die rund 75 000 unmittelbar Beschäftigten profitieren, sondern Hunderttausende mittelbar. Jedoch überlagerte der Streitpunkt Fluglärm in der öffentlichen Wahrnehmung alle anderen Themen, etwa den Bau eines dritten Terminals sowie das Nachtflugverbot und seine Erweiterung. Während auf konkurrierenden Airports, wie Istanbul oder Dubai, rund um die Uhr gearbeitet wird, startet und landet in Frankfurt zwischen 23 und 5 Uhr früh keine Maschine. Die Sorge vor einem erweiterten Nachtflugverbot führt schon jetzt zu ersten Ausweichmanövern von Airlines. Der zum Konzern Thomas Cook gehörende Ferienflieger Condor schafft ab November eine neue Verbindung ab Köln nach Varadero auf Kuba. Begründung: Ferienfluggesellschaften brauchen vor allem die Tagesrandzeiten, damit sie ihre Flugzeuge möglichst lange in der Luft halten können, betonte Hoppe. Da passe es schlecht ins Bild, wenn man in Frankfurt über sieben Stunden Stillstand berate.

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Istanbuls Atatürk-Airport hat hinsichtlich der Passagierzahlen laut Bilanz fürs erste Quartal 2014 mit 12,4 Millionen Abfertigungen Frankfurt überholt und sich nach London und Paris an die dritte Stelle in Europa geschoben. Auf Rhein-Main ist die Anzahl der Flugbewegungen seit 2007 nicht mehr gestiegen, die Passagierzahlen entwickeln sich nur moderat. Aber: „Immerhin die Hälfte allen Frachtaufkommens auf deutschen Flughäfen wird hier in Frankfurt abgewickelt“, so der Fraport-Chef. Das täuscht jedoch nicht darüber hinweg, dass die Wirtschafts- und Finanzkrise sowie die seit 2011 erhobene Luftverkehrsabgabe die Flugbewegungszahlen gedrückt haben. Schulte erkennt nach wie vor eine Notwendigkeit für ein drittes Terminal, weil es darum geht, die Abwicklung und Aufenthaltsqualität für die Passagiere zu verbessern.

Pilotenstreik am Flughafen Frankfurt

Pilotenstreik am Flughafen Frankfurt

Die Reisebranche sieht einen von Frank Kaufmann in die Diskussion eingebrachten Vorschlag skeptisch, eine Art Gütesiegel für Airlines zu vergeben, die bewusst erst nach 6 Uhr früh und vor 22 Uhr abends ihre Ferienflüge abwickeln, auch wenn das höhere Preise bedeutet. „In Zeiten von ‚alles billig’ hat so ein Modell keine Chance“, entgegnet Michael Hoppe. Zum Schluss zog CDU-Mann Arnold beim Umwelthaus in Kelsterbach eingeholte Ergebnisse von Dauerschallpegel-Messungen für Offenbach aus der Tasche - an zwei Tagen zeitgleich zwischen 5 und 7 Uhr vorgenommen. Die eine vom 19. März - ein herkömmlicher Werktag mit 127 Flügen in dieser Zeitphase - weist eine Gesamtschallbelastung von 58,5 dB nach (nur Fluglärm 54,1 dB). Die andere vom 2. April, als streikbedingt mit 57 Maschinen ein deutlich geringeres Flugaufkommen geherrscht hat, ergab 56,3 dB Gesamtschallbelastung (nur Fluglärm 46,3 dB).

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