„Die Leute sind verzweifelt“

Ausgerechnet am Höhepunkt des Wespenjahrs geht Medizin für Allergiker aus 

Frankfurt - Wenn der Sommer seinen Zenit überschritten hat, schlägt die Stunde der Wespen. Für Allergiker ist das keine gute Zeit. Ausgerechnet jetzt geht den hessischen Apotheken die Notfallmedizin aus. Von Jutta Rippegather

Eigentlich sind sie harmlos und, was wenige wissen, auch nützlich: Wespen bestäuben Blüten. Doch weil sie kurzsichtig sind, kommen sie dem Menschen oft zu nah. Reagiert der panisch, fühlen sie sich bedroht und stechen zu. Das passiert derzeit besonders häufig. Denn das trockene und warme 2018 ist ein Top-Wespenjahr. Das freut die Naturschützer, nicht aber jene Zeitgenossen, die den Stachel zu spüren bekommen, der – anders als bei der Biene – nicht im Fleisch stecken bleibt. Das tut nicht nur weh. Manchen schwillt gar die Hand an, der Arm oder ein anderes betroffenes Körperteil. Sie reagieren auf das Gift allergisch.

Im schlimmsten Fall kommt es zu einem sogenannten anaphylaktischen Schock, der sogar lebensbedrohlich sein kann. Ist die Gefahr bekannt, verschreibt der Arzt ein Notfallset mit abschwellend wirkenden Medikamenten sowie eine Adrenalin-Spritze.

Doch die sind derzeit nicht zu haben. Es gibt einen Lieferengpass. „Die Apotheker telefonieren sich bei den Lieferanten die Finger wund, um Injektionen zu bekommen“, sagt Katja Förster, Sprecherin des hessischen Apothekerverbands. „Das ist ein Riesenproblem.“

Holger Seyfarth ist Vorsitzender des Verbands. Als Inhaber der Frankfurter Arnsburg-Apotheke weiß er, was jetzt auf der Straße und in den Freiluftcafés los ist: „Seit letzter Woche hat die Zahl der Kunden mit Wespenstichen zugenommen“, sagt er. Das sei nicht außergewöhnlich, und auch die Zahl der schweren Fälle habe in diesem Jahr nicht zugelegt.

Als Erste Hilfe bekommen sie in seiner Apotheke einen Kühlpack verpasst. „Da halten wir rund 60 Stück bereit.“ Auch Eissprays verhindern die Schwellung oder die gängigen Hausmittel wie Zwiebel oder ein Umschlag mit Essig, Salben, Stichheiler. Gut 80 Prozent der Kunden seien damit ausreichend versorgt. Die anderen 20 Prozent sind die Allergiker. Die schickt der Apotheker zum Arzt oder notfalls auch ins Krankenhaus. Und die haben derzeit ein Problem, sagt Seyfarth.

Bei mittelschweren Allergien helfen Antihistaminika – entweder als Tabletten oder in flüssiger Form. Gängig ist das Medikament Celestamine, bei dem sich schon vor Wochen eine Knappheit abzeichnete. Seit 16. August ist es nicht mehr lieferbar. Auch Notfallpatienten können nicht mehr versorgt werden. Noch schlimmer trifft es jene Kunden, bei denen ein Wespenstich einen anaphylaktischen Schock auslösen könnte.

„Die sind momentan schlecht dran“, sagt der Frankfurter Apotheker. Die für sie lebensrettenden Notfallpens mit einem Adrenalin-Derivat seien nirgendwo zu bekommen: „Alle drei Produkte sind nicht lieferbar.“ Über die Gründe schwiegen die Hersteller; es gebe nur vage Auskünfte, wann der Engpass beseitigt sei: Mitte September könnte das erste Produkt wieder verfügbar sein. „Es ist dramatisch, die Leute sind verzweifelt“, sagt Seyfarth, der dafür den Gesetzgeber verantwortlich macht. Der habe aus Kostengründen die gesamte Verantwortung der Pharmaindustrie übertragen. Und die habe verständlicherweise nur Interesse am Profit. Nicht daran, ein Lager an Medikamenten anzulegen.

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„Es ist sehr unterschiedlich, wie der Mensch auf das Gift reagiert“, sagt Berthold Langenhorst von Naturschutzbund (Nabu) Hessen. Und dass es keinen Grund gibt, eine Invasion exotischer Arten zu befürchten: „Die klassischen Insekten sind die gleichen geblieben.“ Wespe, Biene, Hummel, Pferdebremse, diverse Mückenarte. Das Besondere in diesem Jahr sei die Größe der Wespenvölker, die von dem warmen und trockenen Sommer profitierten: Bis zu 10.000 Exemplare gebe es in einem Nest.

Nicht jeder findet das gut. Deshalb steht das Telefon von Brigitte Martin vom Bund Umwelt und Naturschutz (BUND) Hessen derzeit nicht still. Die Wespenberaterin siedelt auch Völker um, aber nur dann, wenn alle anderen Alternativen ausgereizt sind: „Man kann nicht alles töten und umsiedeln.“ Bei der Arbeit ist Martin in diesem Jahr zwei Mal gestochen worden. „Aus eigenem Verschulden“, wie sie betont. Der Wärmestift aus der Apotheke habe geholfen. „Ich bin keine Allergikerin.“

Rubriklistenbild: © Symbolbild: dpa

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