Maskenspiel um Wahn als Selbstschutz

Manfred Trojahns „Enrico“ in Frankfurt

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Im Bücherturm gefangen: Der Titelheld (Holger Falk, kniend) in der Premiere von Manfred Trojahns „Enrico“

Frankfurt - Ein vermeintlich Verrückter, der seinen Wahnsinn aus Selbstschutz kultiviert: Harten Tobak tischt der Komponist Manfred Trojahn in seiner „Dramatischen Komödie“ auf. Von Klaus Ackermann

Von Dirigent Roland Böer mit dem Opern- und Museumsorchester enervierend auf den Punkt gebracht, ein souverän das Maskenspiel beherrschender Held: Die Frankfurter Erstaufführung von „Enrico“ im Bockenheimer Depot wurde mit anhaltendem Beifall bedacht. Nobelpreisträger Luigi Pirandello hat den Librettisten Claus H. Henneberg zu diesem Psychokrieg inspiriert: Vor 20 Jahren war Enrico auf einem Maskenfest seines Freundes Belcredi als Heinrich IV. (der mit dem Canossa-Kniefall) erschienen, vom Pferd gestürzt und beim Erwachen aus der Ohnmacht von tückischen Freunden weiter als deutscher Kaiser verehrt. Die von Enrico umschwärmte Matilda und sein Rivale um ihre Gunst, Belcredi, wollen mit Hilfe eines Arztes (Dietrich Volle), Enricos Neffen Carlo (Theo Lebow) und Matildas Tochter Frida der Maskerade ein Ende bereiten, beißen aber bei Enrico auf Granit.

Im ehemaligen Straßenbahndepot ist ein Salon mit weitläufiger Bücherwand und einer Wendeltreppe für fluchtartige Abgänge Enricos Refugium. Am Ende werden Bücher von eilfertigen Dienstboten beiseite geräumt, und die Frankfurter Skyline lässt entfernt grüßen, Enricos Sehnsucht nach Normalität signalisierend.

Da erweist sich Regisseur Tobias Heyder als geschickter Dompteur einer durch und durch neurotischen Gesellschaft, die einem Woody-Allen-Film zur Ehre gereichte. Musikalisch kommt Trojahn mit Triolenmotorik so heftig zur Sache, als gelte es Rossini zu überholen.

Überhaupt sind im durchweg atonalen, hochdramatischen Überbau Opernzitate versteckt, die beim erstmaligen Hören schwer auszumachen sind. Allenfalls gewisse rhythmische Skalen erinnern an Igor Strawinsky, die sirenenartigen Glissandi bis ins Streicherflirren an Benjamin Brittens „Peter Grimes“, auch so ein Opern-Außenseiter. Die musikalische Wiedergabe – die Partitur ist dick und schwer – wirkt indes durchweg glaubwürdig.

Maskenbildner: Verwandlung mit Silikon und Perücke

Beim typisch existenziellen Streit scheinen Mutter (Juanita Lascarro) und Tochter (Angela Vallone) einander in grell-hysterischen Koloraturen übertreffen zu wollen. Anrührend wirkt Lascarros empfindsamer Sopran beim hoffnungsvollen „Er hat mich wiedererkannt“. Sachlich artikuliert Bariton Sebastian Geyer seinen Durchblick im Maskenspiel, gleichermaßen erschüttert über den Zustand des einstigen Freundes und Rivalen.

Den gibt Bariton Holger Falk im Canossa-Büßergewand mit vielen stimmlichen Facetten, den gespielten Wahnsinn bis ins Falsett hinein glaubhaft machend. Szenisch stark sind Enricos Selbstbekenntnisse, nur von einer einsamen Querflöte klanglich ummantelt. Sorgt das muntere Quartett der Diener tonal für Entspannung, so ist der Schluss echter Verismo. Mit Mord und Totschlag – und einem weiterhin vom Wahnsinn umfangenen, in seiner Bücherburg gefangenen Helden ...

Weitere Aufführungen am 23., 25., 27., 29. und 31. Januar, 2. und 4. Februar. Karten: 069/212-49494

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