Axel Seidemann jagt Nilgänse und Kaninchen im städtischen Revier

Mitten im Ostend auf der Pirsch

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Stress sollte unbedingt vermieden werden: Axel Seidemann ist ein Kaninchen ins Netz gegangen.

Frankfurt - Wenn wilde Tiere ins Stadtgebiet vordringen, ist er gefragt: der Jäger Axel Seidemann. Ein Tier schießt er mit der gleichen Präzision wie ein Fotograf ein Bild. Und bemüht sich um einen möglichst stressfreien Weg in den Tod. Von Maximilian Perseke

Die Kaninchen waren zuerst da. Davon ist Axel Seidemann überzeugt. Beim Einfangen der Tiere im Frankfurter Ostend vergisst der Jäger nicht, deren Anwalt zu sein. Früher sei in der Gegend ein Schrottplatz gewesen. Niemanden haben Wildkaninchen gestört, sagt der 42-Jährige. „Aber wir bauen jeden Tag ein Fußballfeld zu.“ Nun untergraben sie Rasenflächen zwischen Wohnblöcken, Kot liegt herum. Hausverwaltungen engagieren Seidemann. Er lebt von der Jagd. Nur solle man Kaninchen nicht mit invasiven Arten verwechseln, sagt er. Denn wie gesagt: Sie waren zuerst da.

Nicht so die Nilgänse im Brentanobad. Sie stehen auf der EU-Liste „invasiver Arten“ und hinterlassen massenhaft Kot auf der Liegewiese. Seidemann tötete mit seinem Jagdgewehr schon sechs Exemplare der aus Afrika stammenden vermehrungsfreudigen Vögel. Die Abschussgenehmigung bekam er von der Frankfurter Jagdbehörde. Die Tierrechtsorganisation Peta hat daraufhin Anzeige auch gegen Seidemann erstattet. Sein Kommentar: „Ich bin sicher, dass sich alles in heiße Luft auflösen wird.“ Er bleibt ruhig, konzentriert sich aufs Jagen, lauert zwischen Kaninchenlöchern im Garten.

Durch seine hünenhafte Statur und die langen Haare sieht Seidemann aus, wie man sich „Hagrid“ aus den Harry-Potter-Büchern vorstellt. Nur gepflegter und ohne Bart. Schweißperlen tropfen ihm von der Stirn auf ein Kaninchen in seinem Fangnetz. Es war hineingerannt, nachdem der Jäger es mithilfe eines Frettchens aus seinem Bau unter einem Busch getrieben hatte. Aber Seidemann ist nicht zufrieden. Das Wildkaninchen habe sich zu sehr verheddert, erklärt er. Unnötiger Stress. Davor will er das Tier bewahren. Er versucht, die Beute wenn möglich mit seinen Armen vor dem Licht abzuschirmen. Auch das vermeide Stress. Seidemann nennt das Jagen seine Passion. Und die hat der 42-Jährige zum Beruf gemacht. Eine andere Passion des Pfälzers ist das Fotografieren, das er sich während des Zivildienstes aneignete. Er wurde Bildredakteur bei einer Nachrichtenagentur, später bei einem Telekommunikationsunternehmen, fotografierte auch selbst. Mittlerweile jagt er nur noch.

Vom Fotografieren hat der Jäger seine nüchterne Haltung, wenn es zum Abschuss kommt. Als er den Bademeisterstuhl erklomm und die allererste Nilgans erlegte, da habe sich das nicht aufregend angefühlt – obschon er über zwei Jahre einen „Vergrämungsschuss“ gefordert habe. Es sei viel zu beachten, sagt der Jäger. Wo sind die Nilgänse? Wo die Jagdhunde? In welchem Winkel wird das Geschoss den Boden treffen? Sind Menschen in der Nähe? Das sei fast wie beim Fotografieren mit Kontrast, Schärfe und Belichtungszeit.

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Im Brentanobad trägt der zwei Meter große Jäger stets ein Bademeisterjäckchen. Er passt kaum hinein, aber die Kluft in türkiser Signalfarbe ist seinem Auftrag dienlich. Die Nilgänse sollen lernen, zu fliehen, wenn sie die Bademeister sehen. Während Bademeister Leben retten, muss es Seidemann aber womöglich nehmen. Er sagt, im Brentanobad habe das etwas gebracht. Beim ersten Schuss haben die anderen Nilgänse nicht reagiert, beim zweiten seien 60 weggeflogen.

Thomas Norgall, Landesgeschäftsführer vom Bund für Umwelt und Naturschutz in Hessen (BUND), äußert sich pessimistisch zu den langfristigen Erfolgsaussichten von Abschüssen. Die Nilgänse vermehrten sich immer weiter, andere Tiere würden zudem den freigewordenen Raum im Bad besetzen. Seidemann ist anderer Meinung. Um zu vergrämen, müsse man hin und wieder schießen, sagt er.

Wenn es soweit kommt, dann probiert der Jäger auch vom Fleisch. Von der Brust der Nilgans habe er sich ein Stück herausgeschnitten. Sein Urteil: „Schmeckt nicht schlecht, ist aber auch nichts Besonderes.“ Auch die Kaninchen hat er schon gegessen. Oder seine Gehilfen auf der Jagd – Hunde und Frettchen – bekommen etwas vom Fleisch. Das sei besser, als Fleisch aus dem Supermarkt zu essen, sagt Seidemann.

Er betäubt die Tiere mit einem Schlag, öffnet die Adern und lässt sie ausbluten. „Das Herz muss noch pumpen“, sagt er. Es klingt martialisch. Seidemann sagt, der Schlag auf den Kopf betäube sie. Es sei der stressfreieste Weg. Aber er tötet nicht nur. In seinem Revier in Rheinhessen fördert Seidemann Niederwild. Rebhühner und Feldhamster gebe es viel weniger als früher, sagt er. Auch den Insekten bietet er mit Blühflächen eine Lebensgrundlage. (dpa)

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