Stück mit Strapsen

„Rocky Horror Show“ als wilde Party an der Alten Oper

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Ob Schlossdiener Riff Raff absichtlich aussieht wie das uneheliche Kind von Lady Gaga und Ozzy Osbourne? Egal. Mit Monsterröhre und Tanztalent gehört er bei der Inszenierung der „Rocky Horror Show“ in Frankfurt zu den Publikumslieblingen.

Frankfurt -  Jeder, so heißt es im Programmheft der „Rocky Horror Show“, sollte dieses Musical kennen. „Kult“ sei es, „legendär“. Zeit also, in der Alten Oper Frankfurt die Wissenslücke zu füllen. Ein Selbstversuch. Von Eva-Maria Lill 

Ich muss Ihnen etwas gestehen. Ich bin ein Banause. Denn die „Rocky Horror Show“ nicht zu kennen, ist laut neunundneunzig-periode-neun Prozent meiner Freunde in etwa so schlimm wie David Hasselhoff gut zu finden. Ich weiß nur, es geht um Strapse. Wie passend, dass Richard O’Briens Glam-Rock-Trash-Musical dieser Tage an der Alten Oper Frankfurt gastiert. Los zur Lehrstunde. Schon im Foyer ist alles anders. An der Garderobe reißt sich eine ältere Dame den Übergangsmantel vom Leib. Darunter ein Hausmädchenkostüm. „Sexy, sexy, sexüüü“, brüllt ihr ein Mann zu, während er an seinem Strumpfband lupft. Die Strapsendichte ist hier sowieso enorm. Unter Miniröcken: Strapse. Unter Kleidern: Strapse. Unter Anzugshosen vermutlich auch: Strapse. Auf der Toilette füllen Frauen derweil Wasserpistolen. „Nimm mal noch ne Klopapierrolle“, plärrt eine. Show ist nicht nur auf der Bühne.

Ein Blick ins Programmheft erklärt vieles. „Rocky“, wie das Musical liebevoll genannt wird, feierte 1973 in London Premiere. Irgendwie fanden es damals alle mies. Aber so mies, dass es wieder gut war. Bei Chef Richard O’Brien meldete sich der Film – und das Publikum des 1975er Streifens dachte sich diverse Rituale aus. „Was Sie benötigen“, steht im Heft, „Konfetti, Rasseln, Knicklicht, Spielkarten, Wasserpistolen, Klopapier“. Aha. Schön sortiert verkauft das auch der Merchandise-Stand. Braucht in der Alten Oper aber fast keiner, die Fans sind vorbereitet. Oder kreativ. Neben mir kramt eine Frau eine FAZ aus der Tasche. Und faltet sie zu einem Schiffchenhut. Okay, ich hatte mich schon gefragt, weshalb sie ausgerechnet jetzt das Feuilleton lesen will.

Das Licht blitzt, der Vorhang steigt, die Rassel-Bande erwacht. Uh-Uh-Uh-Rufe. Eigentlich, denke ich, spielt’s keine Rolle, was nun passiert. Das ist jetzt schon allerbeste Unterhaltung. Die 120-minütige Inszenierung auf stimmungsvoller Bühne hat O’Brien selbst abgesegnet, Regie führt Sam Buntrock. Vor drei Jahren war diese „Rocky“-Version schon in Frankfurt zu sehen. Text und Lieder sind auf Englisch, der Erzähler spricht Deutsch.

Archivbilder:

Rocky Horror Show in der Alten Oper

Und das ist ein staubtrockener Sky du Mont, der die Handlung erklärt. Nicht leicht, zumal Sprache oft im Sound der (fantastischen) fünfköpfigen Band absäuft. Dass du Mont zudem ständig vom Publikum unterbrochen wird, muss wohl so. Mir fliegt Klopapier an den Kopf. Das hier, wird mir klar, ist ein ganz eigener Kosmos.

„Richard O’Brien’s Rocky Horror Show“ bis 1. April und im Juni in der Alten Oper Frankfurt

Im Grunde ist die Handlung ja schnurzpiepegal. Da geht’s um ein Pärchen, das sich ins Schloss des transsilvanischen Transvestiten Frank’n’Furter (wickelt jeden um den Stöckelschuh: Gary Tushaw) verirrt. Viel wichtiger: Die Mischung aus Trash-Trip, Burlesque und Filmzitat-Geflecht veräppelt sich ununterbrochen selbst. Und lebt vom kunstvollen Overacting der Darsteller. Das klingt mal gewollt grauenvoll (etwa Sophie Isaacs als Janet) oder rotzig-rockig (Stuart Matthew Price als Riff Raff). Bei diesem Musical gibt es von allem zu viel und das in wunderbar mieser Qualität. Guter Trash ist eine Kunst, die das Ensemble perfekt beherrscht. Ach ja, was ich vorher auch schon wusste: Zur Zugabe müssen alle „Time Warp“ tanzen. Ich zucke mit. In diesem Zusammenhang von Entjungferung zu sprechen, ist vielleicht nicht ganz glücklich. Ach, auch egal.

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