Al Jarreau und hr-Bigband setzen der finales Glanzlicht

Musikmesse: Virtuose Stimmkunst

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Al Jarreau ist mittlerweile 76 Jahre alt und versteht es dennoch, Klassikern neues Leben einzuhauchen.

Frankfurt -  Den Frankfurter Musikpreis hatte er am Freitag erhalten, am Sonntag stand der amerikanische Jazz-Sänger Al Jarreau schon wieder mit der hr-Bigband auf der Bühne. Von Thomas Ungeheuer 

Das ausverkaufte Abschlusskonzert der Frankfurter Musikmesse wartete gleich mit einer Besonderheit auf. Es gibt nur sehr wenige Künstler, die von ihrem Publikum derart huldvoll begrüßt werden. Aber als Al Jarreau die Bühne betritt und sich auf einen Barhocker setzt, erheben sich alle Konzertbesucher im Saal „Harmonie“ des Congress Centers der Messe von ihren Stühlen und klatschen ihm energischen Beifall. Jarreau aber konzentriert sich ganz auf seine Musik. Schon nach wenigen Minuten ist der 76-Jährige warm gesungen. Die Stimme des Sängers, der bereits mit vier Jahren sein erstes Solo in einer Kirche angestimmt hat, wirkt noch immer unverbraucht. Wenn Al Jarreau „Brazil“ (Ary Barroso) vorträgt, dann mit einer Leichtigkeit, die nicht nur erstaunt, sondern fasziniert und vielen Zuhörern ein seliges Lächeln auf die Lippen zaubert.

Viel wärmende Sonne scheint dieser Ausnahmekünstler in sich zu tragen. Und der Afro-Amerikaner steckt nicht nur das Publikum mit seiner guten Laune an. Seine positive Energie überträgt sich auch auf die hr-Bigband. Man erkennt an den Gesichtern der Musiker, wie glücklich und stolz sie darauf sind, mit Al Jarreau spielen zu dürfen. Unter der Leitung des Dirigenten Jörg Achim Keller klingt das Orchester grandios. Nichts wirkt routiniert. Taufrisch und ungemein kraftvoll ist der Sound, zudem bestens abgemischt. „I’m happy“, bemerkt Al Jarreau. Und mit feiner Ironie sagt der Musiker der 1975 mit „We Got By“ sein erstes Album veröffentlichte, dass er mit der hr-Bigband gern die zweite Hälfte seiner Karriere verbringen wolle. Zwar erzählt er danach etwas aus der Zeit seiner ersten Erfolge, aber staubige Nostalgie kommt auch dann nicht auf, als er „It Ain’t Necessarily So“ von George und Ira Gershwin aus der Oper „Porgy and Bess“ zu neuem Leben erweckt. Fast noch lebendiger wirkt seine Interpretation von deren „Summertime“.

Obgleich immer wieder einzelne Musiker aus der hr-Bigband nach vorn treten, um anspruchsvolle Solos zu spielen, hat dies nie etwas Protzendes. Jeder dieser hoch begabten Instrumentalisten stellt seinen Part ganz in den Dienst des jeweiligen Songs. Und Al Jarreau? Der Star des Abends benutzt seine Stimme wie gewohnt virtuos. Selbst Dave Brubecks Klassiker „Take Five“ wirkt durch Jarreaus wunderbares Talent für Improvisation keineswegs abgehoben, sondern um ein vielfaches anspruchsvoller als das Original.

Frankfurter Musikmesse 2016: Impressionen

Dennoch oder gerade deswegen ist das, was sich während des knapp anderthalbstündigen Konzerts auf der Bühne ereignet, auf angenehme Art spektakulär. Kann zeitgenössisch interpretierter Jazz wirklich derart begeistern? Ja, spätestens als es bei der Zugabe „Sophisticated Lady“ (Duke Ellington) viele Menschen an den Bühnenrand zieht, wird klar, das Al Jarreau mit der hr-Bigband das Publikum mitgerissen hat. Vielleicht gelingt Ähnliches am 23. November diesen Jahres noch einmal. Dann wird der Künstler mit der NDR-Bigband in der Alten Oper Frankfurt gastieren.

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