Eintracht-Party auf dem Römer

Wie ein Fußball-Laie beim DFB-Fest das Spiel lieben lernt

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Mann mit Pott: Eintracht-Antreiber Kevin-Prince Boateng präsentiert auf dem pickepackevollen Römerberg stolz den DFB-Pokal.

Frankfurt - Geschätzte 25.000 Fans haben den Gewinner des DFB-Pokals, die Eintracht Frankfurt, auf dem Römerberg und in den Straßen der Stadt gefeiert. Von Michael Eschenauer 

Frankfurts zweifacher Torschütze Ante Rebic (rechts) jubelt während des Autokorsos am Paulsplatz neben Mijat Gacinovic.

Nach ihrer Rückkehr aus Berlin war die Mannschaft am Sonntagnachmittag vom Flughafen in einem Autokorso durch ein Spalier von Fans zum Rathaus gefahren.
Es ist 15 Uhr, mein Platz irgendwo auf dem Krönungsweg Richtung Dom ist keine Loge. 75 Zentimeter in der Breite, 75 Zentimeter in der Länge misst der Fleck, auf dem ich mir die Füße dick und den Rücken weh stehe. Die Aussicht auf den 200 Meter entfernten Römer ist bescheiden. Die Augen schmerzen vom Starren auf einen leeren Balkon. Ab und zu schenkt mein Nachbar einem stillen Wind die Freiheit. Ich kann mich nicht rühren.

Meine Situation bleibt unverändert – über drei Stunden lang. Dann geht die große Show los: Was geben die kleinen Figuren dort oben, halb verdeckt durch einen Eisenträger zum Besten? Ich weiß es nicht. Es muss etwas Bedeutendes sein, das kann ich anhand der Jubelstürme rekonstruieren, die aus der Menge derjenigen aufsteigen, die es bis auf den Römerberg geschafft haben. Nach 30 weiteren Minuten hinke ich von dannen.

Trainer Niko Kovac, in der nächsten Saison Trainer von Bayern München, trägt sich ins Goldene Buch der Stadt Frankfurt ein.

War’s das mit der Pokalfeier von Eintracht Frankfurt? Bleibt nichts sonst? Nein, es bleibt sehr viel, denn es waren gute Stunden: Die positiven Vibrations, die diese ansonsten unpersönliche Stadt fluteten, lassen auch den nicht kalt, der dem Fußball ansonsten eher lauwarme bis kühle Gefühle entgegenbringt. Freundlichkeit, Leichtigkeit, Witz, Gemeinsamkeit statt coolem Autismus. Mag die Gesellschaft zusehends zersplittern, das runde Leder macht sie zu Freunden – auch von mir, der sich oft angewidert abwendet von Karrierismus, Millionengagen, gekauften Wettbewerben und gnadenloser Vermarktung.

Fußball ist eben am Ende doch mehr als die Summe seiner Schattenseiten. Das zum Teil grotesk überbewertete Spiel taugt dennoch zum sozialen Kitt. Eine Gemeinschaft entsteht, ruhend auf Werten, die angeblich antiquiert sind, die der Fußball aber offensichtlich noch immer für viele repräsentiert.

Fans feiern die Eintracht am Frankfurter Römer: Bilder

Eingeklemmt in die jubelnde Masse lerne ich, dass die Fans jene Spieler, die diese Werte verkörpern, ganz besonders verehren. Zum Beispiel Alex Meier. Er wird frenetisch gefeiert. Seit 14 Jahren Eintrachtler, jetzt einer ungewissen Zukunft in einem Verein entgegenblickend, für den er 336 Spiele absolvierte, wird er für die Fans zum Synonym für Treue, Authentizität, Bescheidenheit, Teamgeist und Leistung.

Und ich denke mir: Darauf kommt es an! Das ist der fast vergessene Kern des Spiels! Geht er verloren, ist Abpfiff. Die Fußballindustrie kreist immer schneller um ihr Milliardenspiel. Sie sollte pfleglich mit diesem Kern umgehen. Und ich meine dabei die guten Werte ebenso wie den stillen Herrn Meier.

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